Im Mai letzten Jahres, zum 100. Todestag des Komponisten, mahlerte es in Leipzig wie sonst nirgendwo. Nicht so sehr (wie es die Stadtoberen gerne kolportierten), weil der 26-jährige Mahler hier als zweiter Gewandhauskapellmeister wirkte und seinen „Titan“ schrieb, das Initialwerk zu seinem singulären Jahrhundertwende-Œuvre. Das städtische Ruhmesblatt der Künstlerbiografie hat bekanntlich einige Flecken, da Mahler nach kaum 2 Jahren wütend Leipzig wieder verließ. Der Grund war vielmehr, dass der heutige Gewandhauschef Riccardo Chailly heißt. Nur ein derart energiegeladener Mahler-Experte konnte binnen zweier Wochen die Spitzenphilharmoniker aus Amsterdam, New York, Wien, London, München, Zürich und Dresden für je eine Sinfonie in die Sachsenmetropole locken. Natürlich auch deshalb, weil das gastgebende Gewandhausorchester inzwischen zu den führenden Mahler-Ensembles unserer Zeit zählt. Dies jedenfalls belegen die prägnant mit den Leipziger Neo Rauch-Gemälden „Morgenrot“ und „Chor“ illustrierten DVD-Mitschnitte der beiden Chor-Sinfonien.
Den Ruf des Gediegenen hat der Mailänder Feuerkopf seinen Leipziger Traditionsmusikern längst ausgetrieben. So bedingungslos und gleichzeitig diszipliniert ließen diese sich auf Mahlers monumentale Bekenntniswerke ein, dass keine einzige der jeweils fast 90 Aufführungsminuten spannungslos blieb. Ja, fast anderthalb Stunden nahm sich Chailly für Mahlers „Auferstehung“ Zeit (nur Bernsteins jüngere New Yorker Aufnahme beansprucht noch mehr). Seine Kunst extremer Tempo- und Ausdrucksmodifikationen findet hier in Mahlers Verwerfungen idealen Nährboden. Wie ernst Chailly diese nimmt, zeigt die DVD gerade auch in der ausgiebigen (von Mahler auch so geforderten) Pause zwischen erster und zweiter Abteilung: So dass der Abgrund zwischen der zerstörerischen „Totenfeier“ mit ihren brutalen Kontrabass- und Blech-Attacken und den traumverlorenen Kantilenen des folgenden As-Dur-Andante geradezu körperlich erfahrbar wurde.
Blieb in der Zweiten nur Staunen über makellose Orchesterleistungen (einzigartig etwa die samtig-rubinrot schimmernden Blechbläser-Choräle) und die bei aller Dramatik nie ausufernde Soprandarbietung Sarah Connollys, gab es im „tausendfachen“ Getümmel der Achten einige wenige Unebenheiten. So kämpfte Stephen Gould mit seinen in der Tat furchteinflößenden Tenor-Höhen, während die solistische Frauenfraktion durchweg grandios auftrumpfte. Auch ging in Chaillys an sich bewunderungswürdigem Detailfanatismus im „Veni, Creator Spiritus“-Hymnus zu viel von jenem Drive verloren, den etwa Solti oder Kubelik der vehementen Pfingst-Anrufung mitgaben. Dass es gleichwohl an Rückenschauern nicht mangelte, lag nicht zuletzt an den glänzend präparierten Chören und der gewaltigen Gewandhausorgel. Für so viel Mahler-Katarsis konnte es nur Standing Ovations geben.
Sinfonie Nr. 2: 5 Sterne
Sinfonie Nr. 8: 4 Sterne

Christoph Braun, 25.02.2012



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