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Sofia Gubaidulina

Sonnengesang, Die Leier des Orpheus

Gidon Kremer, Kremerata Baltica, Nicolas Altstaedt, Kammerchor Riga u.a.

ECM/Universal 476 4662
(69 Min., 7/2006 & 7/2010)

An Komponisten, die tiefe Gläubigkeit mit einem musikalisch radikalen Fortschrittsglauben verknüpften, hat es auch im 20. Jahrhundert nie gemangelt. Messiaen, Penderecki und Stockhausen wären da zu nennen. Und auch das bisweilen ultra-avancierte Schaffen der Russin Sofia Gubaidulina ist nicht ohne einen strengchristlichen Background zu denken. Dennoch besitzt ihre Musik eine schillernde Spannkraft und expressive Unruhe, die nichts von sturer Frömmigkeit widerspiegelt – so ist man ungemein aufgewühlt, wenn Gubaidulina das Wunder der Schöpfung bejubelt.
1997 griff sie dafür auf einen Text von Franz von Assisi zurück und verarbeitete ihn zu einem „Sonnengesang“ für Violoncello, Chor, Percussion und Celesta. Etwa 45 Minuten lang ist dieses viersätzige Werk, das die Komponistin dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch gewidmet hat. Doch statt auf hymnisches Jubilieren oder feierliches Pathos setzt Gubaidulina auch hier auf eine konzentrierte Klangsprache, die mit ihren unzähligen, chromatischen Farbpartikeln und den flehenden Cello-Deklamationen zum Hin- und Dazwischenhören zwingt. Und wenn zwischendurch der Chor fast zu explodieren scheint, wirft dieser „Sonnengesang“ geradezu warnende Fragen auf – angesichts des Raubbaus an Mutter Natur. All das ist nun bei diesem Live-Mitschnitt feinnervig und mit mal betörendem, mal verstörendem Atem eingefangen worden, von dem Cellisten Nicolas Altstaedt und dem Kammerchor aus Riga, die 2010 beim Lockenhaus-Festival gastierten. Vier Jahre zuvor führte eben dort der Festival-Patron und versierte Gubaidulina-Protegé Gidon Kremer mit seiner Kremerata Baltica das Konzertstück „Die Leier des Orpheus“ auf. Und mit seinen subversiven Impulsen und Widerhaken, aber auch mit diesem gleißenden Cantabile der Solo-Violine ist dieses Werk ein Paradebeispiel für Gubaidulinas konstruktive Spiritualität, der man sich nicht entziehen kann.

Guido Fischer, 31.03.2012



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