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Antonio Vivaldi

The New Four Seasons (Fagottkonzerte RV 481, 484, 497, 498)

Daniel Bubeck, Burak Ozdemir, Musica Sequenza

dhm/Sony 88691 914072
(72 Min., 10/2010)

Wären Vivaldis „Quattro Stagioni“ nicht einem literarischen Programm – bestehend aus vier Jahreszeitengedichten – „auf den Leib komponiert“ und bezögen aus diesem ihren griffigen Titel sowie ihren unzerstörbaren zyklischen Zusammenhalt, dann hätten sie vielleicht niemals ihren außerordentlichen Bekanntheitsgrad erreicht: Schließlich sind sie ja auch nichts weiter als „nur“ vier Instrumentalconcerti mit Solovioline. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Burak Ozdemir, Fagottist und Leiter des Ensembles „Musica Sequenza“, augenzwinkernd vier nicht annähernd so bekannte Fagottkonzerte aus Vivaldis Feder kurzerhand zu einem Zyklus namens „Die neuen vier Jahreszeiten“ zusammenstellte und die dazugehörigen Gedichte, selbstverfasst, gleich mitliefert: Vielleicht hilft die kreative Maßnahme ja, auch diese Concerti einem breiteren Publikum zu vermitteln!
Nun, so ganz unbekannt sind sie vielleicht doch nicht, die Fagottkonzerte: Zumindest an das erste, hier als „Winter“ präsentierte, kann sich der Autor aus Jugendtagen gut erinnern. Klaus Thunemann hat es vor Jahrzehnten schon einmal sehr schön eingespielt. Das Thema des ersten Satzes gehört zu Vivaldis schönsten Einfällen – ebenso, wie die lapidare Allerweltsfloskel, mit der Vivaldi seine herrliche Idee nach allzu wenigen Takten schon abkadenziert, was typisch für das Naturell dieses Meisters ist: Bach hätte dem Themenkopf sicher eine lange Fortspinnungsphase folgen lassen. Aber so ist eben Vivaldi: quirlig, sprunghaft, oft kurzatmig – den Musikern fordern diese Charaktereigenschaften, zumal in Zeiten der stets rasanten historisierenden Herangehensweise, ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit und Präzision ab. In dieser Hinsicht gibt es auf der vorliegenden CD Mängel: Bei den zahllosen kurzen Streicher- und Continuoeinwürfen ist man leider nicht immer hundertprozentig zusammen. Verbindend wirkt, trotz der genannten kleinen Unschärfen, Burak Ozdemirs dunkles, warmes, intensives Fagotttimbre; besser, leidenschaftlicher als er kann man für diese schönen Concerti wohl kaum werben.
Weniger glücklich ist der Rezensent leider mit dem Countertenor Daniel Bubeck, Solist in zwei weltlichen Vivaldi-Kantaten, die das Programm als solche eigentlich sinnvoll ergänzen: Bubeck hat ein recht gedecktes, unter dieser Gedecktheit allerdings nicht allzu ausgeglichenes Timbre. Was aber noch schlimmer ist: Er singt nicht besonders intonationsrein. So liegen bei dieser CD insgesamt die gute Programmidee und die Ausführung teilweise recht weit voneinander entfernt – der Autor bedauert, dies konstatieren zu müssen. Aber Musik der hier präsentierten Art liegt mittlerweile vielfach in ganz erstklassigen Aufnahmen vor, hinter denen die vorliegende in einigen Punkten deutlich zurückbleibt.

Michael Wersin, 31.03.2012



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