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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 7

Bamberger Symphoniker, Jonathan Nott

Tudor/Naxos TUD7176
(80 Min., 2012) SACD

Die himmlischen Kirchen- und die irdischen Kuhglocken: Das sind Grenzsteine in Mahlers Kosmos. Vor allen anderen Sinfonien stellt die Siebte die Hörer vor die Frage: Gibt es eine Kohärenz, eine Synthese beider? Der Streit darüber ist der Siebten regelrecht einkomponiert (erst im nach wie vor heiß umstrittenen Final-Rondo finden beide zusammen). Mahler selbst sprach von seinem „besten Werk“, es sei „vorwiegend heiteren, humoristischen Inhalts“. Wie bitte!? Dieses sogenannte „Lied der Nacht“, dessen surreale „Nachtmusiken“ ein gespenstisches Scherzo umrahmen; das mit einem „Allegro risoluto“ anhebt, dessen markantes Tenorhorn-Solo – „hier röhrt die Natur“ – zu einem „con fuoco“-Hauptsatz überleitet, der als Seiltanz über tonalen und dynamischen Abgründen alles bietet – nur keine Kohärenz und gesicherte (tradierte) Hörerwartungen: Das soll „heiter“, gar „humoristisch“ sein!?
Bekanntlich lässt sich das Attribut nur am Finale festmachen, dieser jubilierenden C-Dur-Apotheose, die Adorno wegen ihres scheinbar „ominös Positiven“, ihres vergeblichen Jubels so geschmäht hat: Mahler, so sein bis heute wirksames Verdikt, war ein schlechter Ja-Sager! War er das wirklich? Auch Jonathan Nott traut dem Finale nicht, mithin auch nicht der per-aspera-ad-astra-Steigerung des Ganzen, wie sie Beethovens Fünfte prototypisch vorexerzierte. Der Chef der Bamberger Symphoniker ist weit mehr „Nachtmusiker“ bzw. Fin-de-siècle-Jünger denn Lebensbejaher und –bejubler. Schon in der allzu bedächtig genommenen Adagio-Introduktion und ihrem bedeutungsschwer ausmusizierten Tenorsolo wird dies klar. Überhaupt die „stillen“ Momente, die zarten Dur-Lichtungen des Hauptsatzes, die Lichtblicke ins Jenseits, die skurrilen Walzerfragmente des Scherzo, das nächtliche Ständchen der zweiten Nachtmusik: All das wird in Bamberg wunderbar minutiös ausgekostet. Subtilste „Nervenkunst“ der Jahrhundertwende: Das ist Notts Siebte. Nur leider verliert sie sich in jenen Momenten. Sie bremsen den drängenden Grundpuls des Hauptsatzes wie das überschäumende Final-Rondo zu oft aus. Apropos: Wer den mitreißenden Sog von Mahlers finalem Optimismus kennenlernen will, muss zu Kyrill Kondrashins oder Riccardo Chaillys Concertgebouw-Aufnahmen greifen. In Bamberg bleibt er ein verlegener, unentschlossener. Darüber hilft auch die außergewöhnliche Klangkultur (und die phänomenale Aufnahmetechnik) der Franken nicht hinweg.

Christoph Braun, 28.04.2012



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