Michel van der Aa

Up-Close

Sol Gabetta, Vakil Eelman, Amsterdam Sinfonietta


Disquiet/SunnyMoon DQM 4
(31 Min., 3/2011)

Bekannt geworden ist der Niederländer Michel van der Aa als Komponist. Dabei ist er ein Doppelbegabter: Als Absolvent der New Yorker Film-Academy hat er Kurzfilme gedreht, in denen zumeist ältere Menschen für immer aus dem Leben gefallen zu sein scheinen. Mit seinem halbstündigen Werk „Up-Close“ hat der u.a. von Louis Andriessen ausgebildete Van der Aa jetzt seine beiden Ausdruckswelten miteinander verschmolzen. Komponiert ist es für Solo-Cello und Streicherensemble. Zugleich führte Van der Aa Regie bei einem Stummfilm über eine gealterte, an Hoffnungslosigkeit und Zweifeln laborierende Künstlerin.
Durchziehen die Filmbilder allein eine bedrückende Stimmung, potenziert Van der Aa diese aber noch mit einer voller Brüche und Schroffheiten steckenden Klangsprache. Und besonders Sol Gabetta, die im Laufe des Bühnengeschehens zur einer Art Alter Ego von Schauspielerin Vakil Eelman wird, scheint auf ihrem Cello alles das auszudrücken und herauszuschreien, was ihrem Film-Double unter den Nägeln brennt. Mit unbändigem Furor stürzt sich Gabetta auf die vier Saiten, zieht sie darauf taumelnd ihre Bahnen – um plötzlich unter der ganzen Seelenlast fast zu verstummen. Für dieses musikalische Psychogramm hätte Van der Aa keine bessere, mitreißendere Solistin finden können. Nur im Gegensatz zu seiner tristen Filmfigur huscht bei Sol Gabetta dann doch hier und da ein Lächeln übers Gesicht. Aus einem einfachen Grund: Sie hat unübersehbar und unüberhörbar ihren Heidenspaß an dieser herausfordernden Musik.

Guido Fischer, 12.05.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Ganze 30 Jahre und ein Weltkrieg liegen zwischen Béla Bartóks beiden Violinkonzerten. Das erste schrieb er 1907/08 für seine erste große Liebe, die Geigerin Stefi Geyer, das zweite entstand kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs für einen guten Freund, Zoltán Székely. Dieses zweite Konzert war Bartóks letztes großes Werk auf europäischem Boden, bevor er sich 1940 voller Abscheu vor dem Nazi-Regime nach Amerika aufmachte, wo er seelisch allerdings nie ganz ankam. Und welch ein grandioses Vermächtnis hat er mit diesem späten Konzert hinterlassen, in dem er Gegenwart und Vergangenheit der europäischen Musikgeschichte miteinander in einer schillernden Klangwelt vereinte: Voller pulsierender Energie und Sinnlichkeit, weich fließend […] mehr »