Frédéric Chopin

Chopin Recital 2 (Polonaise Nr. 2, Ballade Nr. 2, Walzer, Mazurken u.a.)

Janina Fialkowska


ATMA/Musikwelt ACD2 2666
(77 Min., 11/2011)

Über die Wirkung schwerer, alles bedrohender Krankheit auf den Geist des Musizierens zu spekulieren, kann ins Banale abgleiten, besonders bei einer Pianistin von so erlauchter Schule wie der 1951 geborenen Janina Fialkowska, Cortot-Enkelin und Schülerin Yvonne Lefébures in Paris. Gewiss, dass sie nach einer schweren Tumorerkrankung im Arm überhaupt wieder spielen kann, ist ein Wunder, aber ob dieses Schicksal ihrem höchst eigenwilligen Blick auf Chopin seine Richtung gab, ich weiß es nicht.
Virtuose Selbstdarstellung scheint der Pianistin längst gleichgültig geworden zu sein. Die stürmischen Passagen der zweiten Ballade oder der f-Moll-Fantasie werden flüssig und kontrolliert, aber ohne Auftrumpfen durchmessen, als seien sie ein bloßes Durchgangsstadium. Doch sobald die motorischen Kräfte Chopins verebben, rücken wir Hörer staunend auf die Sofakante. In der Fantasie ist es der lento sostenuto-Choral, den Filakowska auskostet, als überblicke sie in geradezu hieratischer Ruhe die weiten Horizonte des Reichs ihres exquisiten Klaviertons. Doch das Leben darin erstarrt nicht zum dekadenten Klangzierrat. Die Pianistin spürt vielmehr jener Transzendierung ins Spirituelle nach, die im Verebben der Kräfte liegt. So werden die Adagio-Rezitative kurz vor Schluss, in denen sich die energischen Bewegungsmuster ganz und gar in ergreifend ausgesungene Reminiszenz verwandeln, zum eigentlichen Ziel der Reise. Dass sich Chopin für die Schlüsse geradezu ungeheuerliche Intensitätssteigerungen vorbehält, wir hören es auch im visionären „Tristan“-Schluss der cis-Moll-Mazurka op. 50/3.
Erstaunlichste Gestalt findet diese Perspektive in der frühen es-Moll-Polonaise, deren notorisch stampfender Fortissimotrubel bei minderen Spielern schwer zu ertragen ist. Janina Fialkowska lässt es gar nicht so weit kommen, immer wieder fährt sich das Thema in den unzähligen ritardandi fest und sinkt entkräftet zu Boden. Mit erlesener Grausamkeit führt die Pianistin dem bewegten Polonaisengeist immer nur soviel Energie zu, dass er gerade eben auf die Beine kommt, um ihn wieder kunstvoll zusammensinken zu lassen; die bizarr zerflatternde staccato-Studie des Mittelteils, ein manuelles Kabinettstück, ist dann vollends gespenstisch. Hauchdünn sind die Fäden, die dieses so exzentrisch erkundete Stück zusammenhalten, und in den eigenartig zerfetzten letzten Takten schneidet sie sie durch, auch dies eine eigentümliche Vollendung der Geschichte. Und es steht alles so geschrieben – man muss es nur lesen wollen.

Matthias Kornemann, 23.06.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Eine soziale Einrichtung als Motor der Musikgeschichte: Antonio Vivaldi blieb dem Ospedale della Pietà in Venedig, einem Waisenhaus für höhere Töchter, bis auf wenige Reisejahre fast lebenslang als Lehrer verbunden. Er profitierte nicht nur vom rein weiblich besetzten Spitzenorchester, das stets züchtig hinter einem Gitter musizierte - was die Fantasie der zuhauf anreisenden Kulturtouristen eher erhitzte als kühlte. Das enorme Spektrum an Instrumentalfarben und die Kompetenz der für ihren Unterricht angestellten Musiker wirkte sich befruchtend auf seine Kompositionen aus. Das Studium der Oboe war an der Pietà ab 1707 hauptamtlich besetzt, und wahrscheinlich schneiderte Vivaldi einige Oboenkonzerte einer Schülerin auf's Doppelrohrblatt, die als "Pellegrina" bis zu ihrem Tod mit 77 Jahren in den Unterlagen geführt wird. Eines seiner Konzerte für Fagott gefiel dem Roten Priester offenbar so gut, dass er es (heute unter der Ryom-Verzeichnisnummer RV450) dem Oboenklang und -spielweise anverwandelte, um dann denselben Ohrwurm nochmal 1735 einer Arie seiner Oper "Griselda" zu unterlegen, so dass sich die Melodie wie musikalische DNA gleich durch mehrere seiner Schöpfungen zieht. Xenia Löffler, Oboistin der Akademie für Alte Musik Berlin, hat mit ihren Kollegen ein Album eingespielt, dass der Blütezeit ihres Instrumentes in der Serenissima des 18. Jahrhunderts nachspürt, in Werken Vivaldis, Marcellos, Portas, ergänzt um eine Neuschöpfung in barockem Geiste von Uri Rom. Und man muss ihr recht geben - so spielerisch virtuos und zugleich seelenvoll wie in den Palazzi am Canale Grande klingt die Oboe in den Konzerten der folgenden Jahrhunderte so schnell nicht wieder.