1996 war auf der Bühne des Opernhauses in Glyndebourne viel los. Davon zeugt nicht nur das Gejohle und Getrampel des hauseigenen Festival-Chors. Beim Live-Mitschnitt von Händels Oratorium „Theodora“ zeigte sich das Publikum höchst amüsiert. Wer genau wissen will, wer oder was das Gelächter ausgelöst hat, der greift zur schon vor Jahren veröffentlichten DVD. Da wird man Augenzeuge von einer szenischen Einrichtung durch Peter Sellars, der den Stoff um die christliche Märtyrerin Theodora in die Gegenwart übersetzt und dafür schon mal handfeste Gags geliefert hat. Doch auch ohne diese sensationelle Regiearbeit ist diese nun erstmals auch auf CD herausgebrachte „Theodora“ ein Glücksfall. Denn nicht nur kommt die Komik anspringend rüber. Über drei Stunden lang wird man in ein Drama hineingezogen, in dem es um den Glauben in einer Tyrannei geht.
Oberster Hirte ist quasi William Christie, der mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment einmal mehr beweist, wie fließend und atmend sich auf historischen Instrumenten musizieren lässt. Und diesem Weg folgt ein Sänger-Ensemble, das man auf diesem Niveau so schnell nicht ein zweites Mal erleben wird. Schließlich waren sämtliche Solisten an den Abenden der Aufzeichnung technisch derart über jeden Zweifel erhaben, dass sie sich ganz auf ihre stimmschauspielerischen Qualitäten besinnen konnten, um eine zeitlos nachdenkliche Geschichte zu erzählen. In den beiden Countertenören David Daniels und Richard Croft als befreundetes Soldatenpaar Didymus und Septimius rumort es unaufhörlich, sie sind zwischen Treue, Pflicht und Gottvertrauen hin- und hergerissen. An letzteres geben sich hingegen Dawn Upshaw in der Titelrolle und Lorraine Hunt Lieberson als ihre Schwester im Geiste mit einer Empfindsamkeit hin, die das falsche Leben im richtigen zu offenbaren scheint. Und allein dank Hunt und ihrer wundersamen Elegie „As with rosy steps the morn” schwebt man einfach nur himmlisch von dannen.

Guido Fischer, 30.06.2012


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Des Menschen Herz sehnt sich einfach nach melodramatischen Sujets: Was die Biografik im Jahrhundert nach Wolfgang Amadeus Mozarts Tod an süßlichen Anekdoten über seine angeblich so bitteren Wiener Jahre als verkanntes, verarmtes Genie gesponnen hat, klebt noch immer wie Zuckerwatte vor der Linse unvoreingenommener Werkbetrachtung. Der Musikforscher Christoph Wolff hat hingegen kürzlich in einem Buch untermauert, dass das Lebensgefühl des Salzburgers in der Hauptstadt wahrscheinlich viel aufstrebender war. "Vor den Pforten meines Glückes" wähnte sich Mozart, angekommen in Wien, angestellt am Kaiserhof, und - wie Wolff nachweist - bemüht, in seiner Musik einen imperialen Stil zu etablieren. Kompositorisch selbstbestimmt klingt auch die These, die Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus nun vertritt: Die drei letzten, ohne Kompositionsauftrag in nur gut zwei Monaten hintereinander weg komponierten Sinfonien sind nicht etwa das Röcheln eines Genies, das mit sterbender Hand nach dem Himmel reicht, sondern ein ehrgeiziges Projekt - ein Instrumental-Oratorium. Die Motivbezüge und enge Verwandtschaft hat schon Peter Gülke nachgewiesen, nun erklärt Harnoncourt die drei Werke zu einer in sich geschlossenen, dreiteiligen Handlung für Musik, eine freimaurerisch inspirierte Initiation. Was konkret er selbst dem Werk an melodramatischen Sujets dabei ablauscht, will er aber nicht verraten, denn "die Musik Mozarts ist Sprache und spricht für sich."