A Tribute To Sun Ra

Heliocentric Counterblast


Enja/Soulfood enja 9713
(44 Min., 9/2010)

Vor fast zwanzig Jahren starb Herman Blount. Der 1914 in Alabama geborene schwarze Komponist, Pianist, Orchesterleiter und Free-Jazz-Pionier wähnte sich auf einem fremden Planeten. Er behauptete vom Saturn zu stammen, berief sich auf die ägyptische Sonnenmythologie, nannte sich Sun Ra und gründete mit Gleichgesinnten eine Musikerkommune, sein Arkestra. Dessen Auftritte waren eine krude Multimedia-Show. Vordergründig wirkende Mummenschanz-Effekte gingen einher mit einer kraftvollen, kosmisch gemeinten Musik. An Ellington gemahnende Bläsersätze, Rhythm-‘N‘-Blues-Elemente, Bebopfetzen und Thelonious-Monk-Verquertheiten und immer wieder freie Kollektiv-Improvisationen durchdrangen sich da. Doch bei all den disparaten Gesten hatte die Musik stets eine magische Kraft, die sich aus einer einfachen Melodik und hypnotisierenden Ostinati entwickelte. Nach Sun Ras Tod wurde nur selten, wie etwa vor zehn Jahren in Ulm, mit musikalischen Mitteln hinterfragt, ob die Kraft der Ra’schen Musik auch ohne die mystifizierenden Präsentationsformen ihren Zauber entwickeln könne. Jetzt hat die Berliner Altsaxofonistin Kathrin Lemke ein Oktett um sich versammelt, das sich ganz dem Werk Sun Ras widmet. Wenn auch in der Berliner Transposition der krude, kosmische Blast, den das Projekt im Titel führt, eher zu einer sublimierten europäischen Sophistication mutiert, macht der Counterblast ungeheuer Laune und beschwört erfolgreich den bewegenden Urgeist des Arkestras. Vielleicht stehen wir, wie einst bei Monk, am Anfang einer großen Sun- Ra-Rezeptions-Welle.

Thomas Fitterling, 30.06.2012


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Wie ein Zündhölzchen wirkt, was 1712 der Hamburger Ratsherr und Kaufmannssohn Barthold Heinrich Brockes in Form seiner geistlichen Passionsdichtung in das kreative Pulverfass der Hamburger Gänsemarktoper wirft. "Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende JESUS", später nur noch griffiger "Brockes-Passion" genannt, trifft den Nerv der Zeit. Die Mischung aus drastischer Passionsschilderung (die den nüchternen Bibelbericht publikumswirksam mit gruseligen Details anreichert) und Arientexten (die das Geschehen theologisch sattelfest in Allegorien aufschlüsseln und leidenschaftlich Stellung zu den Vorgängen beziehen) wirkt wie eine Steilvorlage für die Musiker, die sich um Reinhard Keiser an der ersten deutschen Bürgeroper versammelt haben. Johann Mattheson macht daraus einen Kompositionswettbewerb und fordert auch Georg Philipp Telemann in Frankfurt und Georg Friedrich Händel in London auf, sich mit einem Oratorium auf Brockes' Text zu beteiligen und sich mit Keisers Version von 1712 zu messen. Auch Johann Sebastian Bach, der in Leipzig nicht nur geografisch, sondern auch theologisch sehr weit vom liberalen Hamburg entfernt lebte, bediente sich in seiner Johannes-Passion kräftig an den zündenden Sprachbildern des Hamburger Senators. Peter van Heyghen und seinem Ensemble Les Muffatti ist nun mit Reinhard Keisers Werk, sozusagen der Mutter aller Brockes-Passionen, eine interpretatorisch souveräne Aufnahme gelungen, die den Hörer anspringt und mit ihrem leidenschaftlichen Musizieren ins Geschehen zieht. Der Vergleich mit den späteren Versionen zeigt, welche starke Ausstrahlung der Bühnenmensch Keiser bis in Details der Melodiefindung und der Affektgestaltung auf den Stil der jungen Komponisten hatte, allen voran Georg Friedrich Händels.