Girolamo Frescobaldi

Capricci

Liuwe Tamminga


passacaille/Note 1 PAS975
(77 Min., 1, 2 & 3/2011)

Einspielungen der 1624er „Capricci“ Girolamo Frescobaldis auf historischen italienischen Orgeln und Cembali gibt es einige – u.a. auch eine vor kurzem wiederveröffentlichte von Gustav Leonhardt, dem die vorliegende Einspielung gewidmet ist. Zielvorgabe ist stets, die formale und satztechnische Vielfalt dieser eigenwilligen Stücke interpretatorisch anschaulich zu vermitteln und den Genuss, den etwa ein kundiger Musikwissenschaftler beim Analysieren dieser erstaunlich komplexen Musik hätte, zumindest auch ansatzweise dem Hörer zu vermitteln. Keine leichte Aufgabe.
Zur Verfügung steht neben dem geschickt eingesetzten Klangfarbenspektrum der alten Orgeln die artikulatorische und agogische Kunst des Interpreten; hierin steht Tamminga, Organist an San Petronio in Bologna, seinen jüngeren und älteren Kollegen nicht nach: Ganz offensichtlich hat er Frescobaldis Satztechnik gründlich durchdrungen und sich profund Gedanken darüber gemacht, wie man sie zur Geltung bringen kann. Freilich bleibt es immer ein Problem, dass der sinnliche Oberflächenreiz dieser Musik tatsächlich nur die äußerste Schicht ihres Gehaltes ausmacht; es ist eine Musik für Spezialisten, auch im Blick auf den Hörer: Wer verfolgt schon ein scheinbar so simples Soggetto wie „ut, re, mi, fa, sol, la“ aufmerksam über acht Minuten lang durch immer neue imitatorische Abschnitte voller polyphoner Raffinements? Kurzum: Der Interpret solcher Musik spielt immer ein wenig gegen die Vergeblichkeit seines Unterfangens an. Und vor diesem Hintergrund liefert Tamminga eine wirklich gelungene Version der „Capricci“.

Michael Wersin, 07.07.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Dieser Mann ist ein Phänomen: Nicht erst seit der Film "Pianomania" Einblicke in die verfeinerte, ja zuweilen heikle Klangästhetik Pierre-Laurent Aimards gab, dessen Vorstellungen der hauseigene Klavierstimmer Stefan Knüpfer mit großer Hingabe zu folgen versuchte, ist der Franzose als Perfektionist bekannt. Und auch für seine Einspielung des "Wohltemperierten Klaviers I" von Johann Sebastian Bach dürfte wieder ordentlich am Instrument gefeilt worden sein. Das aber völlig zu recht, muss man zugeben, wenn man die ersten Töne des berühmten C-Dur-Präludiums hört: So fein und singend der Tonkörper des Flügels, so ist zugleich doch immer auch ein deutlicher, "knackiger" Druckpunkt auszumachen, der die Tongebung des Cembalos mit in den Klavierklang hineinnimmt. Dazu kommt Aimards ruhiger Duktus, der die Aufmerksamkeit des Hörers nicht mit virtuosem Schellenklingeln blendet, sondern - detailreich phrasiert - wie an der Hand durch die sauber gestaffelten Stimmverflechtungen und sanglichen Schönheiten dieses Tonarten-Kaleidoskops führt. Einfach bereichernd, dass Aimard - der sich vor allem als Interpret der Werke Messiaens und Boulez' seinen Namen gemacht hat - nun erstmals Bach aufgenommen hat.