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Johannes Brahms

Sinfonien Nr. 1 c-Moll und Nr. 4 e-Moll

Symphonieorchester des BR, Mariss Jansons

BR-Klassik/Naxos 900112
(47 Min., 10/2007 & 2/2012) 2 CDs

Gravitätisch düster betritt Brahms die Königsgattung der Sinfonie in Mariss Jansons‘ Lesart. Glaubt man dem lettischen Chef der BR-Sinfoniker, dann lastet die Beethoven-Tradition schwer auf dem hanseatischen Mittdreißiger: Ehrfurcht vor den klassischen Übervätern und ein protestantisches Arbeitsethos gingen bei diesem bekanntlich eine besonders skrupulöse Verbindung ein, die 14 Jahre währende Entstehung, insbesondere die hochkomplexe Motivarbeit des Kopfsatzes, die alles aus einem kleinen Motivkern heraus entwickelt, zeugen davon. Gerade diese arbeitsintensive kontrapunktisch durchfurchte „Durchführung“ erlebt man bei Jansons ausnehmend schroff, aufwühlend, geradezu furtwänglerisch kämpfend. Wer nun hofft, auch die per-aspera-ad-astra-Entwicklung werde von diesem Gluteifer getragen, wird leider enttäuscht. Mit dem alpinösen (Alphorn-) Liebesgruß an Clara eröffnet Jansons wohl ein großherzig ausmusiziertes, nicht jedoch ein mitreißend-kathartisches Finale.
Das Ernste, Grüblerische beherrscht auch Jansons‘ Vierte. Ihre Ecksätze zeugen durchaus vom (altbewährten) Attribut des „herb Männlichen“; allerdings sind die intimen, mitunter entrückten Passagen dem klangsensiblen Letten mindestens ebenso wichtig. Vollends bezaubert das mittelstimmengesättigte, in sanften Legatobögen melancholisch singende Andante. Endlich aber, so möchte man aufatmen, gibt das grimmig-ausgelassene Allegro giocoso-Scherzo die Zügel frei! – um dann doch in der abschließenden Passacaglia die Leidenschaften wieder zu bremsen. So schlägt sich dieser Brahms – bei aller Ausdrucksdichte – letztlich auf die Seite der Formenstrenge. Das kann man – gerade im Vergleich mit Bernstein, Szell, Dorati oder Gardiner – durchaus bedauern, zumal die Orchesterleistung nur fabelhaft genannt werden kann.

Christoph Braun, 14.07.2012



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