„Nun aber mal Butter bei die Fische“, möchte man Miloš Karadaglić nach seinem zweiten, gerade veröffentlichten Rezital zurufen. Denn nach zwei Alben, auf denen er uns mit zahllosen Gitarren-Piècen sein melancholisch schlagendes Herz ausgeschüttet hat, würde man nun gerne mal erfahren, wie er sich gedanklich auf der Langstrecke so schlägt. Bei Bach, Britten, Henze und gerne auch bei Paganini. Dass er dafür zumindest das Rüstzeug mitbringt, steht außer Frage. Immerhin finden sich wie auf seinem Debüt-Album „Mediterráneo“ von 2011 nun auch auf „Latino“ so manche Stücke, die nach makellos flinken Fingern verlangen. Dazu gehört eine dieser mit Gemeinheiten gespickten Etüden des Brasilianers Heitor Villa-Lobos genauso wie ein Stück des paraguayischen Komponisten Barrios Mangoré, das ein wahres Tremolo-Feuerwerk bietet.
Natürlich sind die übrigen Stückchen, mit denen der aus Montenegro stammende Karadaglić jetzt Latein- und Südamerika bereist hat, nicht weniger anspruchsvoll, zumal man selbst bei den scheinbar unverwüstlichen Piazzolla-Hits „Libertango“ und „Oblivion“ genau das rechte Maß finden muss, um sie bloß nicht zur marmeladesken Klangklebemasse einzudicken. Trotz des reichlich überflüssigen Orchestersäuselns, das glücklicherweise bei den insgesamt 16 Miniaturen nur drei Mal zum Einsatz kommt, zeigt Karadaglić auch hier, dass er das ideale Gespür für den Folklore-Verismo auf „Latino“ besitzt. Auf Dauer jedoch ist dieses Programm mit seinen ständigen Stimmungswechseln zwischen Weh und Ach, zwischen Nostalgie und Elegischem ein wenig eintönig. Glücklicherweise lassen sich solche geografisch angelegten Themenpakete nicht unendlich schnüren.

Reinhard Lemelle, 28.07.2012


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Des Menschen Herz sehnt sich einfach nach melodramatischen Sujets: Was die Biografik im Jahrhundert nach Wolfgang Amadeus Mozarts Tod an süßlichen Anekdoten über seine angeblich so bitteren Wiener Jahre als verkanntes, verarmtes Genie gesponnen hat, klebt noch immer wie Zuckerwatte vor der Linse unvoreingenommener Werkbetrachtung. Der Musikforscher Christoph Wolff hat hingegen kürzlich in einem Buch untermauert, dass das Lebensgefühl des Salzburgers in der Hauptstadt wahrscheinlich viel aufstrebender war. "Vor den Pforten meines Glückes" wähnte sich Mozart, angekommen in Wien, angestellt am Kaiserhof, und - wie Wolff nachweist - bemüht, in seiner Musik einen imperialen Stil zu etablieren. Kompositorisch selbstbestimmt klingt auch die These, die Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus nun vertritt: Die drei letzten, ohne Kompositionsauftrag in nur gut zwei Monaten hintereinander weg komponierten Sinfonien sind nicht etwa das Röcheln eines Genies, das mit sterbender Hand nach dem Himmel reicht, sondern ein ehrgeiziges Projekt - ein Instrumental-Oratorium. Die Motivbezüge und enge Verwandtschaft hat schon Peter Gülke nachgewiesen, nun erklärt Harnoncourt die drei Werke zu einer in sich geschlossenen, dreiteiligen Handlung für Musik, eine freimaurerisch inspirierte Initiation. Was konkret er selbst dem Werk an melodramatischen Sujets dabei ablauscht, will er aber nicht verraten, denn "die Musik Mozarts ist Sprache und spricht für sich."