Another Country

Cassandra Wilson


Membran/Sony 88515 033573
(48 Min.)

Die Italiener haben es Cassandra Wilson angetan. Mit ihnen begibt sich die Sängerin in ein anderes Land, in dem zwar der Blues auch eine Heimat hat, das aber auch über eine eigene Tradition verfügt. So lässt sie sich gleich zweimal auf die Ballade „O sole mio“ ein – einmal im mediterranen Flair und einmal – als „Bonustrack“ gekennzeichnet – durch eine angebliche Studiounterhaltung so hingedrechselt, als sei eine Aufnahmesession mitgeschnitten worden, in der sie mit ihren Partnern eine funky Version ausprobierte. Sieben der elf Titel hat sie selbst geschrieben, und die beiden anderen hat der Gitarrist Fabrizio Sotti beigesteuert. Von ihm stammen auch die meisten Arrangements, die schlichter als auf Wilsons Blue-Note-Alben ausfallen. So tendiert die Produktion ins von Folk inspirierte Singer-Songwriter-Genre, wobei auch Bossa-Nova-Anklänge zur Mittelmeerwelt zählen.
Bei diesem aus dem Rahmen von Wilsons sonstigem Œuvre fallenden Werk geht es nicht um virtuose Kunst; hier wird eher das Einfache, Eindringliche, fast schon Volksmusikalische herausgekehrt. Dabei kontrastiert der dunkle Klang des von Nicola Sorato zurückhaltend gespielten Elektrobasses mit Sotis Akustik-Gitarre, zusammengehalten durch klare Melodien des Akkordeonisten Julien Labro und die Percussionisten Mino Cinelu und Lekan Babalola. Zum Schluss sorgt in „Olomuroro“ der Chor des New Orleans Center for Creative Arts für Afro-Flair. Nach all dem bleibt nur ein Fazit: Für Cassandra Wilson mag der Ausflug gen Italien ein Vergnügen gewesen sein. Heimisch wurde sie allerdings nicht. Sie ist nun einmal im Land des Blues zu Hause, und das sind die Südstaaten der USA.

Werner Stiefele, 11.08.2012


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Dieser Mann ist ein Phänomen: Nicht erst seit der Film "Pianomania" Einblicke in die verfeinerte, ja zuweilen heikle Klangästhetik Pierre-Laurent Aimards gab, dessen Vorstellungen der hauseigene Klavierstimmer Stefan Knüpfer mit großer Hingabe zu folgen versuchte, ist der Franzose als Perfektionist bekannt. Und auch für seine Einspielung des "Wohltemperierten Klaviers I" von Johann Sebastian Bach dürfte wieder ordentlich am Instrument gefeilt worden sein. Das aber völlig zu recht, muss man zugeben, wenn man die ersten Töne des berühmten C-Dur-Präludiums hört: So fein und singend der Tonkörper des Flügels, so ist zugleich doch immer auch ein deutlicher, "knackiger" Druckpunkt auszumachen, der die Tongebung des Cembalos mit in den Klavierklang hineinnimmt. Dazu kommt Aimards ruhiger Duktus, der die Aufmerksamkeit des Hörers nicht mit virtuosem Schellenklingeln blendet, sondern - detailreich phrasiert - wie an der Hand durch die sauber gestaffelten Stimmverflechtungen und sanglichen Schönheiten dieses Tonarten-Kaleidoskops führt. Einfach bereichernd, dass Aimard - der sich vor allem als Interpret der Werke Messiaens und Boulez' seinen Namen gemacht hat - nun erstmals Bach aufgenommen hat.