Johannes Brahms, Heinrich Schütz

Ein Deutsches Requiem, Motetten

Katharine Fuge, Matthew Brook, John Eliot Gardiner, Orchestre Révolutionnaire et Romantique, Monteverdi Choir


SDG/harmonia mundi SDG706
(76 Min., 10 & 11/2007, 8/2008)

Die Idee, das „Requiem“ von Brahms auf die deutschprotestantische Kirchenmusiktradition rückzubeziehen mittels Vorschaltung zweier Schütz-Motetten, die den Alte-Musik-Kenner Brahms in seiner Textauswahl beeinflusst haben könnten, ist großartig. Gardiner gönnt seinem „Monteverdi Choir“ hier denn auch bei Schütz einen etwas kräftigeren, mehr sinfonischen Klang, ausgesprochen homogen und vibratoarm freilich. Letztere Qualitäten kommen dann auch dem „Brahms-Requiem“ sehr zugute: Romantische Musik zwar mit der angemessenen Sattheit, gleichzeitig aber auf vokaler wie instrumentaler Ebene sehr geradlinig und klanglich gebündelt anzugehen, ist eine der wichtigsten Errungenschaft einer von der „Alten Musik“ her ins Repertoire des 19. Jahrhunderts vorangetriebenen Aufführungspraxis. Kein Scheppern und Wabern, kein rührseliger Betroffenheitsgestus – wie wohl tut es auch einem Romantik-Schinken wie dem „Deutschen Requiem“, wenn etwa im zweiten Satz die Unisono-Melodie „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ unmittelbar einleuchtend als stilisierter Choral-Cantus firmus daherkommt oder wenn im vierten Satz die „lieblichen Wohnungen“ nicht nur klangschön und geschmeidig, sondern eben auch jugendlich-schlank und rein besungen werden. Merkwürdigerweise nimmt die Qualität des Chores gegen Ende etwas ab: Die Tod-und-Hölle-Getümmelpassagen sind wohl doch auch für Profis so kräftezehrend, dass es hernach zu vokalen Rauigkeiten und Mattigkeiten kommt. Nun ja, dafür ist es eine Live-Produktion. Bei der Wahl der Solisten hingegen hätte Gardiner vielleicht eine glücklichere Hand haben können: Katharine Fuge, obwohl insgesamt durchaus ansprechend, scheint doch etwas zu leichtgewichtig für die Partie – ein hohes B bei Brahms z. B. dürfte doch gern ein deutlich elementareres Ereignis sein als etwa bei Händel. Und Matthew Brooks Baritonstimme hat einen unangenehm hohen Geräuschanteil – wenn man da, um im angelsächsischen Raum zu bleiben, etwa Thomas Allen in der bis heute hörenswerten Münchner Sawallisch-Aufnahme (Orfeo) dagegenhält, dann wird schnell klar, wie viel mehr man aus dieser kurzen, aber markanten Partie machen kann.

Michael Wersin, 18.08.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Torquato Tassos Kreuzfahrerepos "Gerusalemme liberata" war im Italien des 18. Jahrhunderts so beliebt, wie den Deutschen ihre Ritter- und Heldensagen im 19. Jahrhundert. Die Gondolieri in Venedig konnten ganze Passagen auswendig rezitieren, berichtet Casanova, und auch in Rom, wo Tasso seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, kannte man die Figuren des Epos gut, darunter vor allem den hehren Kreuzritter Rinaldo und seine Gegenspielerin, die Zauberin Armida. Georg Friedrich Händel, als blutjunger Tausendsassa nach Rom gekommen, saugte den italienischen Stil ein wie Muttermilch und verschaffte sich mit den musikdramatischen Juwelen seiner frühen Kantaten schnell die Hochachtung des römischen Adels. 1707 wurde auf einem Jagdausflug seine "Armida abbandonata" aufgeführt, die in drei Arien und zwei Accompagnati vollendet das Porträt der soeben von Rinaldo verlassenen Zauberin und ihre Seelenstürme porträtiert. Und diese Leidenschaften hat sich auch das Berner Ensemble "Les Passions de l'ame" unter Meret Lüthi zum Namensgeber erwählt. In ihrer neuen Aufnahme betten sie Händels Kantate geschickt als Epizentrum in Francesco Geminianis Ballettmusik "La Foresta incantata" (Der Zauberwald) ein, die dieser dem Epos Torquato Tassos fünfzig Jahre später abgelauscht hatte.