Sleeper

Keith Jarrett


ECM/Universal 370 5570
(107 Min., 4/1979) 2 CDs

Die Konnotationen des Albumtitels lassen an einen klug für später aufgeschobenen Coup denken. Bei dem jetzt veröffentlichen Konzert handelt es sich um den 1979er Auftritt von Jarretts europäischer Band in Tokio. Nachdem Keith Jarrett sich in seinen bereits legendär gewordenen Solo-Recitals aufgemacht hatte, den Jazz, der durch Free und Fusion gegangen war, aus dem Geiste radikal melodischer und harmonischer Hingabe zu erweitern, hatte er In dem junge Saxofonisten Jan Garbarek eine verwandte Seele gefunden. Mit ihm und seinen skandinavischen Kollegen, dem Bassisten Palle Danielsson und dem Schlagzeuger Jon Christensen, konnte er in Abgrenzung zum New Jazz seiner New Yorker Band eine alternative Combo-Musik verwirklichen.
Das Konzert in Tokio am 16. April fand die Gruppe auf dem Zenit ihres Schaffens. Sieben Jarrett-Kompositionen sind auf dem vorliegenden Mitschnitt zu hören. Sechs davon sind ausführliche, immer wieder auch in freie Räume vorstoßende Explorationen. Kontemplation wird abgelöst von ekstatischem Jubel. Mit verschwenderischer Großzügigkeit verwöhnte das Quartett sein Publikum. Garbarek ist noch nahe dran an seinen frühen Einflüssen, zu denen hier hörbar auch Don Cherry und Ornette Coleman gehörten. Keith Jarrett wiederum hat noch manches aus seiner Fusion-Zeit bei Miles Davis in Erinnerung. Natürlich gibt es im Überschwang auch Längen und die zeittypische Unart, dass nicht beschäftigte Solisten mit Perkussionskleinteilen hantieren. Aber was ist das schon angesichts des großherzig ausgeschütteten Füllhorns der letztlich zeitlos beglückenden Musik dieser Band.

Thomas Fitterling, 18.08.2012


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Dieser Mann ist ein Phänomen: Nicht erst seit der Film "Pianomania" Einblicke in die verfeinerte, ja zuweilen heikle Klangästhetik Pierre-Laurent Aimards gab, dessen Vorstellungen der hauseigene Klavierstimmer Stefan Knüpfer mit großer Hingabe zu folgen versuchte, ist der Franzose als Perfektionist bekannt. Und auch für seine Einspielung des "Wohltemperierten Klaviers I" von Johann Sebastian Bach dürfte wieder ordentlich am Instrument gefeilt worden sein. Das aber völlig zu recht, muss man zugeben, wenn man die ersten Töne des berühmten C-Dur-Präludiums hört: So fein und singend der Tonkörper des Flügels, so ist zugleich doch immer auch ein deutlicher, "knackiger" Druckpunkt auszumachen, der die Tongebung des Cembalos mit in den Klavierklang hineinnimmt. Dazu kommt Aimards ruhiger Duktus, der die Aufmerksamkeit des Hörers nicht mit virtuosem Schellenklingeln blendet, sondern - detailreich phrasiert - wie an der Hand durch die sauber gestaffelten Stimmverflechtungen und sanglichen Schönheiten dieses Tonarten-Kaleidoskops führt. Einfach bereichernd, dass Aimard - der sich vor allem als Interpret der Werke Messiaens und Boulez' seinen Namen gemacht hat - nun erstmals Bach aufgenommen hat.