Heinz Karl Gruber, Kurt Schwertsik

3 MOB Pieces, Busking, Divertimento macchiato

Håkan Hardenberger, HK Gruber, Schwedisches Kammerorchester


BIS/Klassik-Center BISCD1884
(68 Min., 5/2009, 11 & 12/2010)

Natürlich kennen die Österreicher HK Gruber und Kurt Schwertsik all die Klassiker auch der Ultra-Moderne wie ihre Westentasche. Denn während Gruber noch beim Schönberg-Schüler Erwin Ratz studiert hatte, schnupperte Schwertsik ab den 1950er Jahren in die Kompositionswerkstätten von Stockhausen und Nono hinein. 1966 wendeten sie sich aber endgültig von all den ideologisch eingefärbten Musterbögen der Neuen Musik ab – und rehabilitierten unzeitgemäß frech auch jene Lässigkeit und jenen verqueren Humor, der der zeitgenössischen Musik nach '45 abhanden gekommen war. Zusammen mit Otto M. Zykan gründete man dafür das „MOB art & tone ART“-Ensemble, das auch dank des singenden, dirigierenden und den Kontrabass schrummelnden Multi-Talents Gruber zum Antriebsriemen für musikalisch subversive Unterhaltung wurde. Und selbstverständlich steuerte er gleich noch passende, non-elitäre Stücke bei, wie 1968 die „3 MOB-Stücke“, die 1999 für Trompete und Streichorchester umgearbeitet wurden. Eine Mischung aus Varieté, Strawinsky und Bossa Nova springt da einem in den Außensätzen behände entgegen – während der Mittelsatz sich „Frei nach Heine“ melancholisch und jazzy gibt.
Die „3 MOB-Stücke“ bilden den Auftakt für ein weiteres, von Gruber und dem Schwedischen Kammerorchester verantworteten Plädoyers für die etwas andere Wiener Schule. Und im Zentrum der Aufnahme steht mit Trompeter Håkan Hardenberger zudem der Widmungsträger der drei Kompositionen. Natürlich kann Hardenberger sein gesamtes Können durchweg voll ausspielen. In Grubers „Busking“ (2007), bei dem der Bogen vom burlesken (Banjo-)Drive bis zu einer Hommage an Charles Ives und sein Ton-Poem „The Unanswered Question“ reicht. Und das ebenfalls 2007 entstandene, zwischen Hindemith und Schostakowitsch eingehängte „Divertimento macchiato“ von Kurt Schwertsik bietet Hardenberger genügend Auslauffläche für sein wärmendes wie zugleich doppelbödiges Melos. Nur kann man sich auch hier des Eindrucks nicht erwehren, dass den sympathisch hinterlistigen MOB-Revolutionären inzwischen doch etwas die Ideen ausgegangen sind.

Guido Fischer, 25.08.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Des Menschen Herz sehnt sich einfach nach melodramatischen Sujets: Was die Biografik im Jahrhundert nach Wolfgang Amadeus Mozarts Tod an süßlichen Anekdoten über seine angeblich so bitteren Wiener Jahre als verkanntes, verarmtes Genie gesponnen hat, klebt noch immer wie Zuckerwatte vor der Linse unvoreingenommener Werkbetrachtung. Der Musikforscher Christoph Wolff hat hingegen kürzlich in einem Buch untermauert, dass das Lebensgefühl des Salzburgers in der Hauptstadt wahrscheinlich viel aufstrebender war. "Vor den Pforten meines Glückes" wähnte sich Mozart, angekommen in Wien, angestellt am Kaiserhof, und - wie Wolff nachweist - bemüht, in seiner Musik einen imperialen Stil zu etablieren. Kompositorisch selbstbestimmt klingt auch die These, die Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus nun vertritt: Die drei letzten, ohne Kompositionsauftrag in nur gut zwei Monaten hintereinander weg komponierten Sinfonien sind nicht etwa das Röcheln eines Genies, das mit sterbender Hand nach dem Himmel reicht, sondern ein ehrgeiziges Projekt - ein Instrumental-Oratorium. Die Motivbezüge und enge Verwandtschaft hat schon Peter Gülke nachgewiesen, nun erklärt Harnoncourt die drei Werke zu einer in sich geschlossenen, dreiteiligen Handlung für Musik, eine freimaurerisch inspirierte Initiation. Was konkret er selbst dem Werk an melodramatischen Sujets dabei ablauscht, will er aber nicht verraten, denn "die Musik Mozarts ist Sprache und spricht für sich."