En Ny Dag

Martin Tingvall


Skip/Soulfood SKP9117
(50 Min., 5/2012)

Allein mit dem Flügel rückt Martin Tingvall eine Seite seiner Persönlichkeit in den Vordergrund: Er präsentiert sich wesentlich lyrischer und melodienversessener als mit seinem Tingvall Trio. Als blinkten Sternschnuppen am Nachthimmel auf, wirken die Töne im einleitenden „en stjärna faller“: klar, rein, vereinzelt und doch zusammenhängend. Dann gestaltet er einen Tagesablauf während einer Afrikatournee, besinnlich beginnend in den frühen Morgenstunden, bis „Debbie and The Dogs“ südafrikanische Rhythmen ins Geschehen bringen. Zwischendurch zieht ein Gewitter mit Blitz, Donner und prasselndem Regen auf. Andächtig, fast sakral beobachtet er das Hissen einer Flagge, nimmt mit leichten afrikanischen Rhythmen hin, dass der Strom in Harare ausfällt; ist dies überwunden, denkt er in „till dem därhemma“ zart an jene, die ihm lieb sind und zu Hause geblieben sind. Mit einem Hauch von Melancholie lässt er sich vom letzten Tanz des Abends treiben, bevor ihn – mit äußerst unruhigem Rhythmus – ein Mosquito ärgert, den er einfach nicht erledigen kann. Doch auch dies ist überwunden: „när barnen sover“ ist ein sanftes Schlaflied, auf das ein noch zurückhaltenderes „dagens slut“ mit vereinzelten Tönen das Ende des Tages markiert. Mit einer Meditation über das Sternbild vom Großen Wagen schließt sich der Kreis: Nun könnte sich der nächste Tag anschließen – wieder mit Sternschnuppen, Morgendämmerung, dem Ausführen der Hunde und all den kleinen Erlebnissen, die keinerlei Aufregung wert sind und von denen Tingvall ganz gelassen erzählen kann.

Werner Stiefele, 01.09.2012


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Wie ein Zündhölzchen wirkt, was 1712 der Hamburger Ratsherr und Kaufmannssohn Barthold Heinrich Brockes in Form seiner geistlichen Passionsdichtung in das kreative Pulverfass der Hamburger Gänsemarktoper wirft. "Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende JESUS", später nur noch griffiger "Brockes-Passion" genannt, trifft den Nerv der Zeit. Die Mischung aus drastischer Passionsschilderung (die den nüchternen Bibelbericht publikumswirksam mit gruseligen Details anreichert) und Arientexten (die das Geschehen theologisch sattelfest in Allegorien aufschlüsseln und leidenschaftlich Stellung zu den Vorgängen beziehen) wirkt wie eine Steilvorlage für die Musiker, die sich um Reinhard Keiser an der ersten deutschen Bürgeroper versammelt haben. Johann Mattheson macht daraus einen Kompositionswettbewerb und fordert auch Georg Philipp Telemann in Frankfurt und Georg Friedrich Händel in London auf, sich mit einem Oratorium auf Brockes' Text zu beteiligen und sich mit Keisers Version von 1712 zu messen. Auch Johann Sebastian Bach, der in Leipzig nicht nur geografisch, sondern auch theologisch sehr weit vom liberalen Hamburg entfernt lebte, bediente sich in seiner Johannes-Passion kräftig an den zündenden Sprachbildern des Hamburger Senators. Peter van Heyghen und seinem Ensemble Les Muffatti ist nun mit Reinhard Keisers Werk, sozusagen der Mutter aller Brockes-Passionen, eine interpretatorisch souveräne Aufnahme gelungen, die den Hörer anspringt und mit ihrem leidenschaftlichen Musizieren ins Geschehen zieht. Der Vergleich mit den späteren Versionen zeigt, welche starke Ausstrahlung der Bühnenmensch Keiser bis in Details der Melodiefindung und der Affektgestaltung auf den Stil der jungen Komponisten hatte, allen voran Georg Friedrich Händels.