George Butterworth, Ivor Gurney, Ralph Vaughan Williams

Most Grand To Die – englische Lieder

James Rutherford, Eugene Asti


Bis/Klassik Center BISSACD-1610
(79 Min., 12/2008) SACD

Das James Rutherford auch auf der Opernbühne seinen Mann steht, verleugnet er in diesem Liedrezital nicht; 2010 hat der englische Bariton sogar in Bayreuth den Sachs gesungen, die vorliegende Einspielung entstand allerdings zwei Jahre vorher. Was er in puncto kraftvolles, breit und offen geführtes Forte zu bieten hat, kann durchaus beeindrucken – vor allem deshalb, weil er umgekehrt auch zartestes Pianissimo stets verfügbar im stimmlichen Rüstzeug mit sich führt. Ein breites Ausdrucksspektrum also, nicht nur in dynamischer Hinsicht, macht Rutherfords Liedgesang hörenswert; hinzu kommt ein differenzierter, nuancierter Umgang mit der Sprache. Dass seine Stimme bei intensiverer Belastung schon 2008 ein wenig rau klang, könnte nachdenklich stimmen; es bleibt abzuwarten, wie sich das Material im Alltagsgeschäft weiterentwickelt.
Die Stückauswahl darf als sehr ansprechend bezeichnet werden: Ralph Vaughan Williams‘ recht bekannter Zyklus „Songs Of Travel“ (nach Texten des „Schatzinsel“-Stevenson) bildet den Schluss eines Programms, das den Hörer eintauchen lässt in die faszinierende Welt jener typischen Liedkunst um die Wende zum 19. Jahrhundert, die, ganz beschränkt auf die Insel, auch vom englischen Volksliedgut und von modaler Tonalität beeinflusst ist. George Butterworth (1885-1916) und Ivor Gurney (1890-1937) gehören zu den wenig bekannten Meistern innerhalb eines recht großen Zirkels heute weitgehend vergessener Komponisten, die eine wichtige Epoche der europäischen Liedgeschichte prägten. James Rutherford reiht sich mit diesem Rezital ein in eine interpretatorische Tradition, die, begründet durch Sänger wie Heddle Nash oder John McCormack, später dann durch Janet Baker und in der Gegenwart besonders durch Bryn Terfel fortgeführt wurde.

Michael Wersin, 01.09.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Des Menschen Herz sehnt sich einfach nach melodramatischen Sujets: Was die Biografik im Jahrhundert nach Wolfgang Amadeus Mozarts Tod an süßlichen Anekdoten über seine angeblich so bitteren Wiener Jahre als verkanntes, verarmtes Genie gesponnen hat, klebt noch immer wie Zuckerwatte vor der Linse unvoreingenommener Werkbetrachtung. Der Musikforscher Christoph Wolff hat hingegen kürzlich in einem Buch untermauert, dass das Lebensgefühl des Salzburgers in der Hauptstadt wahrscheinlich viel aufstrebender war. "Vor den Pforten meines Glückes" wähnte sich Mozart, angekommen in Wien, angestellt am Kaiserhof, und - wie Wolff nachweist - bemüht, in seiner Musik einen imperialen Stil zu etablieren. Kompositorisch selbstbestimmt klingt auch die These, die Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus nun vertritt: Die drei letzten, ohne Kompositionsauftrag in nur gut zwei Monaten hintereinander weg komponierten Sinfonien sind nicht etwa das Röcheln eines Genies, das mit sterbender Hand nach dem Himmel reicht, sondern ein ehrgeiziges Projekt - ein Instrumental-Oratorium. Die Motivbezüge und enge Verwandtschaft hat schon Peter Gülke nachgewiesen, nun erklärt Harnoncourt die drei Werke zu einer in sich geschlossenen, dreiteiligen Handlung für Musik, eine freimaurerisch inspirierte Initiation. Was konkret er selbst dem Werk an melodramatischen Sujets dabei ablauscht, will er aber nicht verraten, denn "die Musik Mozarts ist Sprache und spricht für sich."