The Long Waiting

Kenny Wheeler


Cam Jazz/EDEL 1014049CJZ
(69 Min., 9/2011)

Der 82-jährige Trompeter, Flügelhornist, Komponist und Arrangeur Kenny Wheeler siedelte zu Beginn der 50er Jahre von Kanada nach London über. Ein bescheidenes Auftreten, eine außergewöhnliche Instrumentenbeherrschung und ein tiefer Sinn für Lyrisches und hintersinnige Harmonik machten ihn alsbald zu einer natürlichen Autorität, die der europäischen Jazzszene prägende Impulse vermittelte. Sein von ihm bevorzugtes Flügelhorn veredelte Free-Jazz-Formationen ebenso wie traditionelle Big Bands.
Nach einem langen und an außergewöhnlichen Begegnungen reichen Weg hat er nun mit alten Weggenossen eine 19-köpfige konventionelle Big Band zusammengestellt und ihr die Stücke und Arrangements auf den Leib geschrieben. Am Dirigentenpult steht Pete Churchill und als Besonderheit erweitert Diana Tortos wortlose, parallel geführte Stimme das Klangspektrum der Bläsersätze nach oben. Einprägsam und abwechslungsreich sind die acht Originals. Ihre Arrangements sind geprägt von dichter harmonischer Raffinesse, und schwebende Leichtigkeit ist ihnen nicht fremd. Immer wieder erhebt sich aus dem Klangfluss organisch die magisch lyrische Stimme des Altmeisters. Von seiner auf den Liner Fotos erkennbaren Gebrechlichkeit ist in seinem Ansatz nichts zu hören. Die klug gestaltete Soli-Folge berücksichtigt alle Talente der Band und federt so etwaige Konditionsschwächen höchst vergnüglich ab. Ein würdiges Alterswerk ist dem Meister da gelungen; und wer im Laufe des Programms die zunehmend mit Vokalisen verdichtete Textur weniger bedrängend empfindet, möge gedanklich einen weiteren Punkt hinzufügen.

Thomas Fitterling, 08.09.2012


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Des Menschen Herz sehnt sich einfach nach melodramatischen Sujets: Was die Biografik im Jahrhundert nach Wolfgang Amadeus Mozarts Tod an süßlichen Anekdoten über seine angeblich so bitteren Wiener Jahre als verkanntes, verarmtes Genie gesponnen hat, klebt noch immer wie Zuckerwatte vor der Linse unvoreingenommener Werkbetrachtung. Der Musikforscher Christoph Wolff hat hingegen kürzlich in einem Buch untermauert, dass das Lebensgefühl des Salzburgers in der Hauptstadt wahrscheinlich viel aufstrebender war. "Vor den Pforten meines Glückes" wähnte sich Mozart, angekommen in Wien, angestellt am Kaiserhof, und - wie Wolff nachweist - bemüht, in seiner Musik einen imperialen Stil zu etablieren. Kompositorisch selbstbestimmt klingt auch die These, die Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus nun vertritt: Die drei letzten, ohne Kompositionsauftrag in nur gut zwei Monaten hintereinander weg komponierten Sinfonien sind nicht etwa das Röcheln eines Genies, das mit sterbender Hand nach dem Himmel reicht, sondern ein ehrgeiziges Projekt - ein Instrumental-Oratorium. Die Motivbezüge und enge Verwandtschaft hat schon Peter Gülke nachgewiesen, nun erklärt Harnoncourt die drei Werke zu einer in sich geschlossenen, dreiteiligen Handlung für Musik, eine freimaurerisch inspirierte Initiation. Was konkret er selbst dem Werk an melodramatischen Sujets dabei ablauscht, will er aber nicht verraten, denn "die Musik Mozarts ist Sprache und spricht für sich."