With Suspicious Minds

Vesna Pisarović


Jazzwerkstatt/Codaex JW 122
(40 Min., 11/2011)

Es ist tatsächlich etwas Verdächtiges um dieses Produkt der Jazzwerkstatt: Da ist zunächst der enigmatische Titel, und dann scheint die Besetzung irgendwie verquer. Zum einen ist Vesna Pisarović eine kroatische Eurovisionsteilnehmerin und in ihrer Heimat ein Popstar, ihre drei Partner wiederum sind gestandene Größen der Berliner Improvisationsszene. Der Schein trügt: Vesna Pisarović ist eine selbstbewusste Frau und lässt sich nicht auf ein Genre festlegen; die Australier Clayton Thomas am Kontrabass und Steve Heather am Schlagzeug sowie der Deutsche Gerhard Gschlössl an der Posaune sind stimmige Wahl für ein Elvis-Presley-Programm, bei dem man sich scheut, es mit dem Begriff Cover zusammenzubringen; zu überwältigend originell und zu risikobereit entdeckungsfreudig ist diese Musik.
Vesna Pisarović hat Sprachen studiert, und sie spürt denn auch intensiv den sprachlichen Aspekten der Songs des King Of Rock ’N’ Roll nach. Sie tut das mit mädchenhaft kleiner, aber klar und schnörkellos artikulierender Stimme. Restvorstellungen beim Hörer von Schluchzen und Pathos werden vom staubtrockenen Humor der vorwitzigen Posaunenkommentare schon im Ansatz verdampft. Auf collageartig interpolierte Free-Jazz-Passagen folgen abgedrehte Grooves, die mächtig Laune machen und doch ganz cool jegliches Rock-’N’-Roll-Gehabe negieren, obschon da vieles um die Blues-Ecke herumkommt. So dargeboten offenbaren die guten alten Elvis-Texte herrlich unprätentiös eine lakonische Tiefe, die man von Anfang an vergnügt und dann mit zunehmend gespannter Entdeckerfreude zur Kenntnis nimmt.

Thomas Fitterling, 15.09.2012


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Die Süßwarenhersteller und der Versandhandel scheußlicher Gesichtsvariationen in Latex freuen sich über die mit entsprechendem Marktdruck nach Europa transplantierten Halloweenbräuche. Dass man sein Geld an einem 31. Oktober auch weniger kariös investieren kann, zeigt das Beispiel von Kurfürst Johann Georg von Sachsen, der 1617 einige Mittel aufwendete, um in Dresden den Reformationstag zu würdigen - und nicht nur irgendeinen, sondern gar den hundersten. Dem sich selbst als Vorstreiter der Lehren Luthers empfindenden Fürst dienten die drei Tage der Prachtentfaltung im Dienste des zurecht gerückten Bibelwortes natürlich auch der Selbstdarstellung. Der Oberhofprediger Hoë von Hoënegg, der seine Predigten dieser drei Tage später als Buch herausgab, fühlte sich durch die Musik, die im Rahmen dreier Messen und Vespergottesdienste aufgeführt wurde, so berührt, dass er sie detailliert in seinem Bericht wiedergab. Gottseidank - eine Seltenheit dieser Tage. So können wir seiner Aufzählung mit einiger Wahrscheinlichkeit Werke von Michael Praetorius, der als Mann für's Feine mal wieder aus Wolfenbüttel herüberkam und für den altersindolenten Kapellmeister Rogier Michael aushalf, sowie Heinrich Schütz zuordnen, der sich in zweiter Reihe für seine Lebensstellung vorbereitete. Und auch in dieser Musik war das von Luther übersetzte Wort so wichtig, dass Schütz den Instrumentalisten den Text der Sänger unter die Noten schrieb, damit sie ihn bei ihrem Spiel mitdenken konnten. Ein lange gehegtes Projekt von Roland Wilson ist die Zusammenstellung dieser Werke zu einer protestantischen Festmesse, und gemeinsam mit seinen traumwandlerisch aufeinander eingespielten Ensembles Musica fiata und Capella Ducale gelingt es ihm, die verschwenderische Pracht der Dresdner Hofmusik wieder aufleben zu lassen. Dafür steht ihm die Fülle der von Praetorius beschriebenen Klangfarben in (damals vielleicht nicht einmal erreichter) technischer Perfektion zu Gebote, und seine Solisten - angeführt von den engelsgleich reinen Sopranstimmen von Monika Mauch und Konstanze Backes - sind der Zuckerwürfel, auf dem das kräftige Lutherwort wie von selbst in die Seele des Hörers findet. Falls er nicht vergisst, am Freitag dafür die Haustürklingel abzustellen.