Pink Violin

Zipflo Weinrich Group


O-Ton/Edel 1020702OTO
(59 Min., 2012)

Vorurteile können täuschen. Zum Beispiel wenn einer Zipflo Weinrich heißt und Geige spielt, erwartet man, was gemeinhin „Zigeunerjazz“ genannt wird: Geige und Gitarre wechseln sich – von mehreren Gitarren und Kontrabass begleitet – mit den Soli ab. Daneben. Er wurde zwar als Sinto geboren. Seine Musik hat aber mit dem Klischee nur wenig gemein. Stattdessen knüpft Weinrich an das swingende, melodiebetonte Geigenspiel von Stéphane Grappelli und Joe Venuti an. Er lässt seine Geige weinen, singen, schluchzen und jubilieren, streut Läufe zwischen die Melodien und zupft gelegentlich Pizzicati-Chorusse. Partner sind dabei der Pianist Fritz Pauer, der Bassist Paolo Cardoso und der Schlagzeuger Mario Gonzi, also drei Musiker, die im Mainstream zu Hause sind.
Dies zeigt sich schon im einleitenden „Blues For Kate“, der zunächst herkömmlich swingt, dann aber während Pauers Klaviersolo viel Post-Bop aufweist. Mit „Miri Menschengi“ folgt romantisches Easy-Listening, und mit einer Adaption von „Szép a Rozsám“ kommen zunächst Volksliedelemente ins Geschehen, bevor sich die Nummer über Pauers Klavierpassage und ein rasantes Geigensolo zum groovenden Mainstream dreht. Mit „Buko’s Song“ gleiten sie zum Smooth Jazz weiter, aus dem Standard „Beautiful Love“ wird ein flotter Tango, und der zweite Jazzklassiker, „My One and Only Love“, kommt ganz traditionell als Ballade daher. Die übrigen sieben Titel stammen aus Weinrichs Feder, der sein Publikum mit einem breiten Spektrum an Stilbezügen unterhält.

Werner Stiefele, 15.09.2012


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Torquato Tassos Kreuzfahrerepos "Gerusalemme liberata" war im Italien des 18. Jahrhunderts so beliebt, wie den Deutschen ihre Ritter- und Heldensagen im 19. Jahrhundert. Die Gondolieri in Venedig konnten ganze Passagen auswendig rezitieren, berichtet Casanova, und auch in Rom, wo Tasso seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, kannte man die Figuren des Epos gut, darunter vor allem den hehren Kreuzritter Rinaldo und seine Gegenspielerin, die Zauberin Armida. Georg Friedrich Händel, als blutjunger Tausendsassa nach Rom gekommen, saugte den italienischen Stil ein wie Muttermilch und verschaffte sich mit den musikdramatischen Juwelen seiner frühen Kantaten schnell die Hochachtung des römischen Adels. 1707 wurde auf einem Jagdausflug seine "Armida abbandonata" aufgeführt, die in drei Arien und zwei Accompagnati vollendet das Porträt der soeben von Rinaldo verlassenen Zauberin und ihre Seelenstürme porträtiert. Und diese Leidenschaften hat sich auch das Berner Ensemble "Les Passions de l'ame" unter Meret Lüthi zum Namensgeber erwählt. In ihrer neuen Aufnahme betten sie Händels Kantate geschickt als Epizentrum in Francesco Geminianis Ballettmusik "La Foresta incantata" (Der Zauberwald) ein, die dieser dem Epos Torquato Tassos fünfzig Jahre später abgelauscht hatte.