Visionen

Wolfgang Schlüter-Quartet, NDR Bigband


Skip Records/Soulfood SKP 9112
(75 Min., 2-3/2012)

Ohne Rundfunk-Bigbands wäre die deutsche Jazzlandschaft ärmer. Nur durch sie sind Produktionen möglich, die einem hohen musikalischen Anspruch genügen und zu dessen Verwirklichung ein beachtliches Budget erfordern. Die Mainstream-Scheibe mit dem Vibrafonisten Wolfgang Schlüter zählt zu diesen Werken. Der entspannte Swing erinnert an den Sound der 1960er und 1970er Jahre, ist also vordergründig historisch. Eine Prise Basie schwingt in den Arrangements von Wolf Kerschek und Jörg Achim Keller mit, aber auch eine Portion Woody Herman und – wenngleich dezenter – etwas modernere Großformationen, wie sie unter anderem Gil Evans oder Maria Schneider leiteten. Diese Mischung ist erst heute möglich; insofern handelt es sich bei dem fast fünfundsiebzigminütigen Werk um keine Nostalgieproduktion.
Schlüter, Jahrgang 1933, war 1965 bis 1995 selbst Mitglied der NDR Bigband, die ihm auch jetzt die ideale Umgebung für seine ausbalancierten Soli bietet. Mit klarer Linienführung improvisiert er über sechs eigene Themen sowie die Standards „Cherokee“ und „Donna Lee“. Passend zu Schlüters in sich ruhenden Soli meidet auch die Band Extreme. Mit sensibel eingesetzter Dynamik und einem ausgewogenen Verhältnis von Tutti, begleitenden Sätzen und lediglich von der Rhythmusgruppe unterstützten Soli nutzen die Arrangements die klanglichen Möglichkeiten einer solchen Großformation geschickt aus. Diese Zurückhaltung prägt auch die einerseits virtuosen, andererseits unauffällig in den Gesamtklang eingebetteten Soli der übrigen Bandmitglieder. Mit solch selbstverständlicher Eleganz übertragen die acht Titel die seit dem 2. Weltkrieg aufgebaute Traditionslinie der angenehm anzuhörenden Rundfunk-Bigbands in die Gegenwart. Gut, dass es sie gibt.

Werner Stiefele, 22.09.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Knapp zwanzig Jahre liegen zwischen der Entstehung von Joseph Haydns beiden Cellokonzerten: das C-Dur-Konzert mit seinem triumphal marschartigen Beginn und dem - noch in barocken Schuhen stehenden - Wechselspiel zwischen Solist und Orchester entstand um 1762, am Anfang seiner Tätigkeit für die Fürsten Esterházy, und ist dem Kapellcellisten Joseph Weigl in die Finger geschrieben. Das D-Dur-Konzert mit dem deutlich sanglicheren Ansatz und dem flotten Schlussrondo komponierte Haydn 1783 für den späteren Cellisten der inzwischen deutlich vergrößerten Hofkapelle, Antonín Kraft. Nicht zwanzig Jahre, sondern das 1978 entstandene Cellokonzert des georgischen Komponisten Vaja Azarashvili bildet den Abstandhalter zwischen diesen beiden […] mehr »