August Klughardt

Streichquartett F-Dur op. 42, Klavierquartett g-Moll op. 43

Pleyel Quartett Köln, Tobias Koch


CAvi/harmonia mundi CAVI 8553248
(73 Min., 10/2010)

Vielleicht hat der 1847 in Köthen geborene August Klughardt die Musikgeschichte nicht maßgeblich vorangetrieben, aber zweifellos hat er sich in musikästhetisch bewegter Zeit zwischen Neudeutschen und Traditionalisten so positioniert, dass man sein Schaffen vorsichtig als stilverbindend werten kann. Sein Werk ist bis heute nicht in seiner ganzen Fülle wiederentdeckt, und manches davon, so etwa seine patriotischen Chorwerke, verharren vielleicht auch besser weiterhin im Schatten der Archive. Wenn allerdings kammermusikalische Werke aus seiner Feder, mit denen er sich stilistisch eher von seiner konservativen Seite präsentiert, so vollendet dargeboten werden wie auf dieser CD, dann verdient das ohne Zweifel Beachtung.
Wie wohl tut eine vibratoarme Interpretation auf historischen Instrumenten doch auch der Musik des ausgehenden 19. Jahrhunderts! Bestechend ist schon im Streichquartett die Klarheit und Geradlinigkeit des Spiels, die die Aufmerksamkeit des Hörers auf die Struktur der Musik lenkt: Hier ein reizendes Fugato, dort bewegte Mittelstimmen zwischen parallel geführter Diskant- und Basskantilene, dann wieder dialogisch polyphone Passagen – die Vielfalt der satztechnischen Mittel (bei zugegebenermaßen sehr konservativer Harmonik) überzeugt vor allem, weil sie immer im Dienst der Entfaltung des motivischen Materials steht.
Es soll indes nicht der Eindruck entstehen, die behutsame Hinführung des Hörers zur strukturellen Tiefendimension der Musik geschehe auf Kosten des sinnlichen Reizes: Nein, die historischen Streichinstrumente bieten, so kompetent gespielt wie von den Musikern des „Pleyel Quartetts“, ohne die allzu vertraute Vibrato-Orgiastik ein Höchstmaß an klanglicher Schönheit. Außerdem überzeugt auch die gerade ohne Vibrato umso sauberere Intonation unter Verzicht auf künstlich hochgetunte Leittöne und andere Unarten des „traditionellen“ Quartettspiels. Vollends begeistert ist der Hörer, wenn im Streichquintett Tobias Koch mit seinem historischen Érard-Fortepiano (Paris 1839) hinzukommt: Perfekt mischen sich die fünf Instrumente, und die leicht verhangene klangliche Brillanz des historischen Flügels bereichert den Sound des Streicherkorpus‘ auf faszinierende Weise: ein Genuss.

Michael Wersin, 29.09.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Torquato Tassos Kreuzfahrerepos "Gerusalemme liberata" war im Italien des 18. Jahrhunderts so beliebt, wie den Deutschen ihre Ritter- und Heldensagen im 19. Jahrhundert. Die Gondolieri in Venedig konnten ganze Passagen auswendig rezitieren, berichtet Casanova, und auch in Rom, wo Tasso seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, kannte man die Figuren des Epos gut, darunter vor allem den hehren Kreuzritter Rinaldo und seine Gegenspielerin, die Zauberin Armida. Georg Friedrich Händel, als blutjunger Tausendsassa nach Rom gekommen, saugte den italienischen Stil ein wie Muttermilch und verschaffte sich mit den musikdramatischen Juwelen seiner frühen Kantaten schnell die Hochachtung des römischen Adels. 1707 wurde auf einem Jagdausflug seine "Armida abbandonata" aufgeführt, die in drei Arien und zwei Accompagnati vollendet das Porträt der soeben von Rinaldo verlassenen Zauberin und ihre Seelenstürme porträtiert. Und diese Leidenschaften hat sich auch das Berner Ensemble "Les Passions de l'ame" unter Meret Lüthi zum Namensgeber erwählt. In ihrer neuen Aufnahme betten sie Händels Kantate geschickt als Epizentrum in Francesco Geminianis Ballettmusik "La Foresta incantata" (Der Zauberwald) ein, die dieser dem Epos Torquato Tassos fünfzig Jahre später abgelauscht hatte.