Napoléon-Henri Reber, Hector Berlioz, Franz Liszt

Sinfonie Nr. 4, Rêverie et Caprice, Klavierkonzert Nr. 1

Bertrand Chamayou, Julien Chauvin, Jérémie Rhorer, Le Cercle de l´Harmonie


naïve/Indigo 968232
(55 Min., 10/2011)

Im Jahr 1841 komponierte Hector Berlioz sein „Rêverie et Caprice“ für Violine und Orchester op. 8, bei dem sich der Orchesterfarben-Napoleon als zartbesaiteter Stimmungsmaler auszeichnete. 1841 war Berlioz aber auch maßgeblich an einer besonderen Opernpremiere beteiligt. In Paris wurde erstmals Webers „Der Freischütz“ in der von ihm eingerichteten, französischen Fassung gespielt. Diese französische Germanophilie, die sich da an Weber festmachte, gehörte im Paris der Romantik zum guten Ton. Weshalb selbst ein gewisser Napoléon-Henri Reber knapp ein Jahrzehnt nach Berlioz´ Weber-Einrichtung mit seiner 4. Sinfonie ins modische Horn stieß. Und wie sogleich im Eröffnungssatz die Streicher nach vorne drängen und die Blechbläser markante Signale ´ausrufen´, ist beste deutsche Romantik in der Tradition von Schumann und eben auch Weber! Natürlich wird Reber im Laufe des viersätzigen Werks immer wieder einmal das Orchester im Stile von Berlioz intensiv leuchten lassen. Doch das handfeste „Scherzo“ scheint gar aus Beethoven-Ebenholz geschnitzt, während das Brio im Finale an alles denken lässt, an Mendelssohn oder Wien, aber bloß nicht an die Seine-Metropole.
Solche Überraschungen liegen also immer noch in den Musikarchiven. Und mit dem Orchester Le Cercle de l´Harmonie unter Leitung von Jérémie Rhorer hat sich eine Mannschaft gefunden, die ohne lange zu zögern die Staubschicht von der Partitur weggepustet hat. Auf zeitgemäß historischen Instrumenten, aber die Musiker gehen mit einer solch brillanten Farbigkeit und einem fast tollkühnen Drive zur Sache, dass man diese Weltersteinspielung als mustergültig bezeichnen muss. Neben der ebenfalls glänzend ausmusizierten „Rêverie et Caprice“ von Berlioz hat man noch eine weitere CD-Premiere zu bieten: Erstmals ist Franz Liszts 1. Klavierkonzert im Klangbild des 19. Jahrhunderts zu hören. Und Bertrand Chamayou lässt es am Érard-Flügel von 1837 mit musikantischer Selbstverständlichkeit und Virtuosität an nichts fehlen. Damit schließt sich dann auch der Kreis von der mit „Le Paris des Romantiques“ betitelten und mit Nachdruck empfohlenen Aufnahme. Denn Liszt war nicht nur wie Reber und Berlioz Schüler des Böhmen Anton Reicha, Berlioz war es auch, der den Solisten Liszt bei der Weimarer Uraufführung vom Pult aus begleitet hatte.

Guido Fischer, 06.10.2012


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Dieser Mann ist ein Phänomen: Nicht erst seit der Film "Pianomania" Einblicke in die verfeinerte, ja zuweilen heikle Klangästhetik Pierre-Laurent Aimards gab, dessen Vorstellungen der hauseigene Klavierstimmer Stefan Knüpfer mit großer Hingabe zu folgen versuchte, ist der Franzose als Perfektionist bekannt. Und auch für seine Einspielung des "Wohltemperierten Klaviers I" von Johann Sebastian Bach dürfte wieder ordentlich am Instrument gefeilt worden sein. Das aber völlig zu recht, muss man zugeben, wenn man die ersten Töne des berühmten C-Dur-Präludiums hört: So fein und singend der Tonkörper des Flügels, so ist zugleich doch immer auch ein deutlicher, "knackiger" Druckpunkt auszumachen, der die Tongebung des Cembalos mit in den Klavierklang hineinnimmt. Dazu kommt Aimards ruhiger Duktus, der die Aufmerksamkeit des Hörers nicht mit virtuosem Schellenklingeln blendet, sondern - detailreich phrasiert - wie an der Hand durch die sauber gestaffelten Stimmverflechtungen und sanglichen Schönheiten dieses Tonarten-Kaleidoskops führt. Einfach bereichernd, dass Aimard - der sich vor allem als Interpret der Werke Messiaens und Boulez' seinen Namen gemacht hat - nun erstmals Bach aufgenommen hat.