Antonín Dvořák

Sinfonie Nr. 4, Böhmische Suite

NDR Sinfonieorchester, Thomas Hengelbrock


Sony 88725 46467 2
(59 Min., 6/2012)

Tatsächlich ein kaum bekanntes sinfonisches Werk aus der Feder des großen Böhmen: Der Rezensent bekennt, selbst auch bisher keine Aufnahme der „Vierten“ von Dvořák im Schrank gehabt zu haben. Ein Blick in den CD-Katalog zeigt, dass das Stück sich vor allem in den wenigen Gesamtaufnahmen von Dvořáks Sinfonien findet. Mit Thomas Hengelbrocks vorzüglicher Einspielung ändert sich das nun schlagartig, denn diese CD wird Furore machen. Hengelbrock widmet sich auch diesem Werk wieder mit jener leidenschaftlichen Liebe zum ausdifferenzierten, plastischen Orchesterklang, den man mittlerweile bei jeder Neuveröffentlichung schon von ihm erwartet: Seiner ausführlichen Beschäftigung mit Alter Musik ist vermutlich das sichere Händchen in Sachen transparenter Durchgestaltung auch großbesetzter Partituren zu verdanken. Dabei enthält Hengelbrock dem Hörer aber keineswegs die volle Pracht eines üppigen spätromantischen Orchesterklangs vor.
Und so beginnt das wundervoll kantable zweite Thema des Kopfsatzes federleicht, ohne auch nur im Entferntesten dünn zu klingen. Die Blechbläser, die das schmunzelnerregend wagnerische Variationsthema des zweiten Satzes vorstellen, kommen würdevoll daher, ohne dabei neudeutsch-pastos zu wirken: Hengelbrock behält – so auch beim wild auffahrenden Anfang des dritten Satzes – immer im Blick, dass Dvořák allenthalben und immer wieder ein volkstümlich böhmisches Idiom auffährt, dessen freundlich-gemütlicher Tonfall den dramatischen Gesten augenzwinkernd die Spitze nimmt. Es macht Freude, zu verfolgen, wie souverän der junge Komponist auf dem schmalen Grat zwischen nationaler Schule und gesamteuropäisch-traditionsverhafteter Bedeutungsfülle seine eigene, eigenständige musikalische Sprache entwickelt.

Michael Wersin, 13.10.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Torquato Tassos Kreuzfahrerepos "Gerusalemme liberata" war im Italien des 18. Jahrhunderts so beliebt, wie den Deutschen ihre Ritter- und Heldensagen im 19. Jahrhundert. Die Gondolieri in Venedig konnten ganze Passagen auswendig rezitieren, berichtet Casanova, und auch in Rom, wo Tasso seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, kannte man die Figuren des Epos gut, darunter vor allem den hehren Kreuzritter Rinaldo und seine Gegenspielerin, die Zauberin Armida. Georg Friedrich Händel, als blutjunger Tausendsassa nach Rom gekommen, saugte den italienischen Stil ein wie Muttermilch und verschaffte sich mit den musikdramatischen Juwelen seiner frühen Kantaten schnell die Hochachtung des römischen Adels. 1707 wurde auf einem Jagdausflug seine "Armida abbandonata" aufgeführt, die in drei Arien und zwei Accompagnati vollendet das Porträt der soeben von Rinaldo verlassenen Zauberin und ihre Seelenstürme porträtiert. Und diese Leidenschaften hat sich auch das Berner Ensemble "Les Passions de l'ame" unter Meret Lüthi zum Namensgeber erwählt. In ihrer neuen Aufnahme betten sie Händels Kantate geschickt als Epizentrum in Francesco Geminianis Ballettmusik "La Foresta incantata" (Der Zauberwald) ein, die dieser dem Epos Torquato Tassos fünfzig Jahre später abgelauscht hatte.