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Johann Sebastian Bach

Kantaten Vol. 15 (BWV 52, 60, 116 & 140)

Yeree Suh, Petra Noskaiová, Christoph Genz, Jan van der Crabben, Sigiswald Kuijken, La Petite Bande

Accent/Note 1 ACC 25315
(75 Min., 12/2011) SACD

Wer diese CD einlegt und den Kopfsatz des Ersten Brandenburgischen Konzerts hört, braucht nicht zu erschrecken: kein Einpackfehler der CD-Firma, sondern eine während der Leipziger Jahre häufiger zu beobachtende „Technik“ des Verknüpfens von konzertanter Instrumentalmusik mit liturgischen Vokalwerken. Interessant ist Kuijkens im ausführlichen Beihefttext geäußerte Vermutung, die mit ihren Triolenrhythmen irgendwie „störenden“ Hörner (Attribute der Thematik im ursprünglichen, als „Jagd-Musik“ komponierten Konzert) könnten die in der Kantate angesprochene „Falschheit der Welt“ versinnbildlichen. Wie auch immer: Die Kantate ist, vom Schlusschoral abgesehen, allein für Sopran-Solo komponiert; eine tolle Gelegenheit für Yeree Suh, sich zu profilieren. Und das gelingt ihr grandios: Die Koreanerin ist wahrlich eine Wucht! So frisch und gesund bekommt man Bachs Kantilenen selten zu hören – leider auch auf der vorliegenden CD: Christoph Genz demonstriert als Tenorsolist einmal mehr, wie man sich mit ermüdetem, oft nur zäh ansprechendem Stimmmaterial durch Bachs anspruchsvolle Partituren geschickt hindurchlaviert.
Im Gesamtklang des Chores, der ja bei Kuijken mit einem Sänger pro Stimme besetzt ist, fällt das nicht so sehr auf, weswegen die herrlichen Eingangschöre von BWV 116 („Du Friedefürst, Herr Jesu Christ“) und BWV 140 („Wachet auf, ruft uns die Stimme“) recht gut gelungen sind; der Rezensent hat eine gewisse Vorliebe für die komplett solistische Besetzung auch der späteren Kantaten Bachs, weil die kompetent individuelle Gestaltung jeder einzelnen Linie auch in den großen Choral-Concerti einen Gewinn darstellt. BWV 140 lebt auf dieser CD außerdem von den beiden Duetten, in denen Yeree Suh mit Jan van der Crabben einen stimmlich wie interpretatorisch einigermaßen gleichwertigen Partner an ihrer Seite hat. Ein wenig ungelenk klingt hingegen Sigiswald Kuijkens Sologeigenspiel im ersten der Duette. Vergleichsweise wenig zu tun hat in dieser Folge Petra Noskaiová, deren warme Altstimme im außergewöhnlichen Eingangssatz von BWV 60 („O Ewigkeit, du Donnerwort“) ein angenehmes Gegengewicht zu Christoph Genz‘ recht mühsamem Agieren ist. Allerdings sollte hier eigentlich die Altistin als Allegorie der „Furcht“ in Erscheinung treten, während der Tenor die „Hoffnung“ verkörpert. Rein stimmlich betrachtet ist’s auf dieser CD umgekehrt.

Michael Wersin, 20.10.2012



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