Last Spring

Bugge Wesseltoft, Henning Kraggerud


Act/Edel:Kultur 1095262ACT
(73 Min., 11/2011)

Es kursiert vor allem im Jazz der Mythos der Klassik als Musik der Versklavung unter den Notentext ohne improvisatorische Freiheit. Zum Glück aber gibt es begnadete Musiker, die sich auf die große Variations- und Improvisationstradition der abendländischen Musik besinnen und sie aus der Nische des Kirchenorgelspiels holen, wo sie bis heute äußerst lebendig überlebt hat.
Der norwegische Jazzpianist Bugge Wesseltoft hat mit „It’s Snowing On My Piano“ ein Werk in diesem Sinne geschaffen und damit seinen Landsmann, den klassischen Geigen- und Bratschenvirtuosen Henning Kraggerud, begeistert. Act-Produzent Siggi Loch überführte diese Begeisterung in eine Begegnung, und so ist ein Duo-Album entstanden, das in einer Apotheose der Entschleunigung und der Klangkultur die europäische Variations- und Improvisationstechnik auf skandinavische Volksliedmotive und aus der Kunstmusik stammendes Material anwendet. Äußerst transparent, ja fast fragil ist diese Musik; nichts ist in ihr, das an die Klischees der blauen Noten erinnerte oder an fiedelnde Swingseligkeit. Und doch ist in der tief in Melancholie eintauchenden Musik ein ahnendes Wissen um den Jazz. Der Frühling, den der Albumtitel evoziert, ist ein ganz behutsam unter dem lichter werdenden Schnee keimender Trieb. Wer die Spannung dieses entschleunigten Vortrags nicht aushält, mag spotten, wenn so der norwegische Frühling aussieht, wie mag dann erst der Herbst sein. Doch wer sich auf die von Jan Eric Kongshaug hinreißend abgebildeten Klänge einlässt, wird mit einer beglückenden inneren Ruhe-Erfahrung belohnt.

Thomas Fitterling, 20.10.2012


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Dieser Mann ist ein Phänomen: Nicht erst seit der Film "Pianomania" Einblicke in die verfeinerte, ja zuweilen heikle Klangästhetik Pierre-Laurent Aimards gab, dessen Vorstellungen der hauseigene Klavierstimmer Stefan Knüpfer mit großer Hingabe zu folgen versuchte, ist der Franzose als Perfektionist bekannt. Und auch für seine Einspielung des "Wohltemperierten Klaviers I" von Johann Sebastian Bach dürfte wieder ordentlich am Instrument gefeilt worden sein. Das aber völlig zu recht, muss man zugeben, wenn man die ersten Töne des berühmten C-Dur-Präludiums hört: So fein und singend der Tonkörper des Flügels, so ist zugleich doch immer auch ein deutlicher, "knackiger" Druckpunkt auszumachen, der die Tongebung des Cembalos mit in den Klavierklang hineinnimmt. Dazu kommt Aimards ruhiger Duktus, der die Aufmerksamkeit des Hörers nicht mit virtuosem Schellenklingeln blendet, sondern - detailreich phrasiert - wie an der Hand durch die sauber gestaffelten Stimmverflechtungen und sanglichen Schönheiten dieses Tonarten-Kaleidoskops führt. Einfach bereichernd, dass Aimard - der sich vor allem als Interpret der Werke Messiaens und Boulez' seinen Namen gemacht hat - nun erstmals Bach aufgenommen hat.