Für zwei Dinge ist René Jacobs immer gut: pralles Theater und Überraschungen. Beide erfüllt er auch mit seiner neuesten Mozart-Aufarbeitung "La finta giardiniera", für die er eine Prager Fassung aus dem Jahr 1796 wählte. Ob sie von Mozart selbst oder einem extrem kundigen und geschickten Bearbeiter stammt, spielt dabei keine Rolle, denn das künstlerische Ergebnis überzeugt auf ganzer Linie. Vor allem die Bläser werden enorm aufgewertet, wodurch sich die Instrumentierung viel farbiger und ausdrucksstärker präsentiert und stilistisch zu Mozarts späten Opern aufschließt. Damit bietet diese Version ein dankbares Betätigungsfeld für das Freiburger Barockorchester, das sich hier einmal mehr selbst übertrifft – mit René Jacobs am Pult bildet es einfach ein unschlagbares Gespann für Opern des 18. Jahrhunderts.
Doch natürlich ist es bei Jacobs auch um die vokale Seite stets gut bestellt. Nur seine nicht nachlassende Sympathie für Marie-Claude Chappuis mit ihrem flachen, eher reizlosen Mezzo ist schwer nachzuvollziehen. Fragwürdig auch die Buffa-Dauergestaltung, die Sunhae Im ihrer Rolle angedeihen lässt, weil sie auch vokal in Soubrettenmanieren zurückfällt, die sie eigentlich schon überwunden hatte.
Dafür bezaubert Sophie Karthäuser mit ihrem anmutigen lyrischen Sopran. Und Alexandrina Pendatchanska, die sich seit kurzem schlicht Alex Penda nennt (warum eigentlich erst jetzt?), ist ohnehin eine Sängerin coi coglioni, die in jeder Produktion für einen Temperamentsschub sorgt und mit effektvoller Attacke begeistert. Bei den Herren verwöhnt der prächtige Jeremy Ovenden die Ohren, doch auch der schlanke, biegsame Bass von Michael Nagy und Nicolas Rivenq, für den seine Partie allerdings teilweise unbequem hoch liegt, machen bella figura. Wie gesagt: pralles Theater und Überraschungen.

Michael Blümke, 20.10.2012


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Torquato Tassos Kreuzfahrerepos "Gerusalemme liberata" war im Italien des 18. Jahrhunderts so beliebt, wie den Deutschen ihre Ritter- und Heldensagen im 19. Jahrhundert. Die Gondolieri in Venedig konnten ganze Passagen auswendig rezitieren, berichtet Casanova, und auch in Rom, wo Tasso seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, kannte man die Figuren des Epos gut, darunter vor allem den hehren Kreuzritter Rinaldo und seine Gegenspielerin, die Zauberin Armida. Georg Friedrich Händel, als blutjunger Tausendsassa nach Rom gekommen, saugte den italienischen Stil ein wie Muttermilch und verschaffte sich mit den musikdramatischen Juwelen seiner frühen Kantaten schnell die Hochachtung des römischen Adels. 1707 wurde auf einem Jagdausflug seine "Armida abbandonata" aufgeführt, die in drei Arien und zwei Accompagnati vollendet das Porträt der soeben von Rinaldo verlassenen Zauberin und ihre Seelenstürme porträtiert. Und diese Leidenschaften hat sich auch das Berner Ensemble "Les Passions de l'ame" unter Meret Lüthi zum Namensgeber erwählt. In ihrer neuen Aufnahme betten sie Händels Kantate geschickt als Epizentrum in Francesco Geminianis Ballettmusik "La Foresta incantata" (Der Zauberwald) ein, die dieser dem Epos Torquato Tassos fünfzig Jahre später abgelauscht hatte.