Imogen Holst

Chorwerke

Graham Ross, Choir of Clare College Cambridge, The Dmitri Ensemble


harmonia mundi HMU 907576
(72 Min., 7/2011)

Imogen Holst war die Tochter von Gustav Holst; sie kam 1907 zur Welt und starb 1984. Lebenslang unverheiratet, widmete sie sich verschiedenen musikalischen Aufgaben in ihrer englischen Heimat: Sie war u. a. von 1943 bis 1951 musikalische Leiterin des „Arts Centre“ der reformpädagogischen Schule „Dartington Hall“. 1952 wurde sie eine wichtige Mitarbeiterin Benjamin Brittens. Sie gründete 1953 die „Purcell Singers“ und leitete dieses Ensemble bis 1963. Auch kümmerte sie sich um den kompositorischen Nachlass ihres Vaters, schrieb Bücher, arrangierte – und komponierte selbst.
Ihre kompositorische Reifephase ist auf dieser CD repräsentiert durch die Vertonung dreier Psalmen für gemischten Chor und Streicher und die Adaption von sechs John-Keats-Gedichten für Frauenchor und Harfe. Holsts Psalmvertonungen überzeugen durch die stupende „Treffsicherheit“, die sie beim Einfangen der Atmosphäre eines jeden dieser sehr unterschiedlichen Texte bewies: Wie herrlich passen die friedvoll aufeinander zulaufenden hohen und tiefen Streicherskalen zum Geborgenheitsaffekt von Psalm 91 – und wie gut traf die Künstlerin mit aufsteigenden großen Septimen neben dichten dissonanten Akkorden den Gestus der Erbarmensbitte in Psalm 56! Ähnlich dicht gelangen ihr auch die Vertonungen der Keats-Gedichte; vor allem fasziniert der abwechslungsreiche Einsatz der Harfe als Begleitinstrument.
Weniger originell präsentiert sich noch die frühe „Messe in a-Moll“ für Chor a cappella, entstanden unter den Augen von Ralph Vaughan Williams und in ihrer pseudomodalen Stilistik sehr eng verwandt mit des Meisters g-Moll-Messe. Dieses Werk leidet aber womöglich auch durch die nicht ganz überzeugende Interpretation, die ihm durch den „Choir of Clare College“ zuteil wird: Starkes Vibrato und wenig sorgsamer Umgang mit der Sprache (v.a. artikulatorische Missachtung jeglicher Wortgrenzen) trüben hier das Bild. Beim niveauvolleren „Dmitri Ensemble“, das die eingangs genannten Werke interpretiert, funktioniert all dies deutlich besser. Insgesamt erweist sich diese CD als durchaus hörenswert, dokumentiert sie doch das Können einer weithin unbekannten Komponistin, die zwar nicht den sicheren Hafen der Tonalität verließ, in diesem Bereich aber wahrlich ansprechende, intensive textlich-musikalische Aussagen zu machen verstand.

Michael Wersin, 27.10.2012


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Torquato Tassos Kreuzfahrerepos "Gerusalemme liberata" war im Italien des 18. Jahrhunderts so beliebt, wie den Deutschen ihre Ritter- und Heldensagen im 19. Jahrhundert. Die Gondolieri in Venedig konnten ganze Passagen auswendig rezitieren, berichtet Casanova, und auch in Rom, wo Tasso seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, kannte man die Figuren des Epos gut, darunter vor allem den hehren Kreuzritter Rinaldo und seine Gegenspielerin, die Zauberin Armida. Georg Friedrich Händel, als blutjunger Tausendsassa nach Rom gekommen, saugte den italienischen Stil ein wie Muttermilch und verschaffte sich mit den musikdramatischen Juwelen seiner frühen Kantaten schnell die Hochachtung des römischen Adels. 1707 wurde auf einem Jagdausflug seine "Armida abbandonata" aufgeführt, die in drei Arien und zwei Accompagnati vollendet das Porträt der soeben von Rinaldo verlassenen Zauberin und ihre Seelenstürme porträtiert. Und diese Leidenschaften hat sich auch das Berner Ensemble "Les Passions de l'ame" unter Meret Lüthi zum Namensgeber erwählt. In ihrer neuen Aufnahme betten sie Händels Kantate geschickt als Epizentrum in Francesco Geminianis Ballettmusik "La Foresta incantata" (Der Zauberwald) ein, die dieser dem Epos Torquato Tassos fünfzig Jahre später abgelauscht hatte.