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Wolfgang Amadeus Mozart

Sinfonie Nr. 23, Klavierkonzert Nr. 9 u.a.

David Greilsammer, Kammerorchester Genf, Lawrence Zazzo

Sony Classical 88725430252
(65 Min., 11/2011)

Mit drei irrwitzigen Raketen macht David Greilsammer zu Beginn seines neuen Albums „Mozart In-between“ überdeutlich, dass man bei ihm keinen Mozart von der Stange bekommen wird. Weder als Dirigent, Pianist noch als für das Programm der CD Verantwortlicher. Und so lässt er das L´Orchestre de Chambre de Genève in den Einleitungstakten den Vorhang von Mozarts Sinfonie Nr. 23 mit einem Ruck aufreißen, dass man angesichts einer solch nach vorne gepeitschten Urgewalt nur darauf wartet, wann die ersten Saiten vor diesem Belastungstest kapitulieren müssen. Doch die Damen und Herren dieses auf historischen Instrumenten furchtlos drauflos spielenden Orchesters haben stets alles perfekt im Griff, während der Israeli Greilsammer einer Sinfonie immer neue Facetten entlockt, deren Wesenskern nicht mal ein Nikolaus Harnoncourt so freigelegt hat. Und so schüttelt Greilsammer ihr alle Harmlosigkeiten solange aus den Kleidern, bis sie sich – von dramatisch-wuchtig bis traumhaft nobel – von ihrer wahren Gestalt zeigen kann.
Allein für diese Rehabilitierung eines vermeintlichen Jugendwerks (Mozart war bei der Komposition 17 Jahre) gebührt Greilsammer eine monatliche, bloß nicht zu knappe Mozart-Kugel-Gratifikation auf Lebenszeit. Doch es geht noch weiter – mit dem sogenannten „Jeunehomme“-Klavierkonzert, bei dem Greilsammer mit entwaffnender Spontaneität, bewundernswerter Ausdruckstiefe, fesselnden Kontrasten und intimen Glücksmomenten glänzt.
Und wie schon bei seiner vielgesichtigen Solo-CD „Baroque Conversations“, auf der Greilsammer musikalische Nabelschnüre zwischen Händel und Helmut Lachenmann legte, kommt es nun zu einer zeitgenössischen Spiegelung der Tradition. Zwischen zwei Instrumentalstücke aus Mozarts Schauspielmusik „Thamos, König in Ägypten“ hat Greilsammer ein von ihm in Auftrag gegebenes Orchesterwerk des Schweizers Denis Schuler implantiert. „In-between“ lautet das Werk für Streichquartett und Orchester und scheint mit seinen elementaren Auswuchtungen und prismatischen Zerstäubungen an die schockierende Radikalität Mozarts anzuknüpfen. In seiner Unbedingtheit ist „In-between“ daher keine postmoderne Geisterbeschwörung, sondern erhöht die Aufmerksamkeit auf das, was in den eingespielten Mozart-Werken noch alles unter der Oberfläche brodelt. An diese Spannung vermag allein das Finale nicht anzuknüpfen, mit einer von Countertenor Lawrence Zazzo schwungvoll dargebotenen Arie aus „Mitridate“. Aber selbst David Greilsammer wollte nach so einem anspruchsvollen Programm vielleicht auch einfach mal nur durchschnaufen.

Guido Fischer, 03.11.2012



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