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Rewind

Elizabeth Shepherd

Linus/Al!ve 5701552
(50 Min.)

Das ist doch mal eine originelle Begründung: Weil sie schwanger war, entschloss sich die hierzulande weitestgehend unbekannte kanadische Sängerin und Pianistin Elizabeth Shepherd dazu, ausnahmsweise mal ein Album mit Jazz-Standards aufzunehmen. Man muss dazu wissen, dass Shepherd in ihrer Heimat bereits vier Platten mit ausschließlich eigenem Material veröffentlicht hat, die ihr den Ruf einbrachten, Kanadas Antwort auf Esperanza Spalding zu sein.
Ein bisschen Sorgen um das inzwischen geborene Kind muss man sich ab und zu schon machen, wenn man „Rewind“ hört. Denn da stehen nicht nur beschwingte Neufassungen von Klassikern wie „Midnight Sun“ (als Samba mit Disco-Ending), „Love For Sale“ (als funky Midtempo-Stück) oder „Feeling Good“ (als windschiefer Souljazz-Exkurs im 7/8-Takt) auf dem Programm, sondern auch einigermaßen beängstigende Nummern. Kurt Weills „Lonely House“ singt Shepherd mit der von Jahrhunderten der Einsamkeit müde gewordenen Stimme einer Geister-Erscheinung, ihre Bearbeitung von Gershwins „Buzzard Song“ könnte auch glatt als Soundtrack eines Vampir-Films durchgehen.
Die reine Jazz-Lehre vertritt die Kanadierin – ähnlich wie ihre Landsmännin Holly Cole, mit der sie die zwischen Mädchenhaftigkeit und Ausgebufftheit schwebende Stimme teilt – ohnehin nicht. Zwei französische Chansons streut Shepherd, die auf „Rewind“ auch als geschmackssichere Solistin an Rhodes und Wurlitzer in Erscheinung tritt, ins Album ein. Hinzu kommen vokale Overdub-Spielereien à la Gretchen Parlato („Born To Be Blue“) und ein Ausflug in den 60er-Jahre-Pop im Stile von Nancy Sinatra („Sack Of Woe“). Vor diesem Hintergrund kann man der Sängerin und Arrangeurin nicht nur zur Mutterschaft gratulieren – sondern auch zu einer weit über die Standardbearbeitungskost anderer junger Sängerinnen hinausreichenden Jazz-Einspielung.

Josef Engels, 08.12.2012



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