Responsive image
Arnold Schönberg

Erwartung op. 17

Helga Pilarczyk, Hermann Scherchen, Nordwestdeutsche Philharmonie

Wergo/Note 1 WER 6770 2
(31 Min., 1960)

Arnold Schönbergs schauerliches Monodram „Erwartung“, eines der Schlüsselwerke jener bewegten, umstürzlerischen Zeit am Anfang des 20. Jahrhunderts, als Schönberg und sein Kreis sich der Atonalität zuwandten: ungebrochen faszinierend bis zum heutigen Tage, fesselnd vor allem auch wegen der Querverbindungen zu Freud und der Psychoanalyse, die Marie Pappenheim in ihrem Textbuch transportiert. Nicht allzu viele Sängerinnen haben das höllisch schwere Stück meisterhaft bewältigt – wie schön ist es da, wenn eine großartige historische Einspielung von 1960, die es noch nie auf CD gab, plötzlich in ebendieser Gestalt auftaucht! Hermann Scherchen ist ein anerkannter Spezialist in Sachen „Erwartung“: Die Münchner Live-Aufnahme von 1955 mit Magda Laszló (Orfeo) gehört seit langem zu den allerbesten verfügbaren Versionen des Stücks, und die vorliegende CD mit der nicht minder beeindruckenden, dunkler und schwerer timbrierten Helga Pilarczyk als Solistin ist eine wertvolle Ergänzung zu jener älteren Aufnahme. Hinzu kommt, dass die Wergo-Veröffentlichung als Beigabe einen Einführungstext liefert, der in puncto fachliche Fundiertheit und Ausführlichkeit weit über das hinausgeht, was man in der Regel von einem „Beihefttext“ erwarten kann.
Soweit, so gut. Trotz all dieser Vorzüge, die die Neuerscheinung zu einem „must“ für alle Verehrer von Schönberg und seiner „Erwartung“ machen, bleibt der Rezensent im Blick auf die Art der Edition auch ein wenig ratlos zurück: Die CD enthält kaum mehr als eine halbe Stunde Musik, wird von Wergo aber fast im Hochpreis-Segment angeboten (wer ein wenig auf die Suche geht, bekommt sie allerdings im Netz günstiger). Hätte sich im Schallarchiv nichts Ergänzendes gefunden, das die Attraktivität dieses Produkts noch gesteigert hätte? Außerdem verwundert, dass das Beiheft zwar mit den erwähnten überaus reichhaltigen Infos über das Werk ausgestattet ist, sich über die Interpreten und die Aufnahme als solche aber vollständig ausschweigt: Nicht einmal der Aufnahmeort und das exakte Datum werden geliefert, obwohl die Einspielung doch 1964 zum ersten und einzigen Mal ebenfalls bei Wergo veröffentlicht worden ist. Editorische Glanzleistung (übrigens auch hinsichtlich des DSD-Remastering!) und Gedankenlosigkeit reichen sich die Hand – hier werden aus den genannten Gründen wohl eher die eingefleischten Kenner zugreifen, obwohl diese markante Version sich auch hervorragend als Einstieg in die Klangwelt der „Erwartung“ eignen würde.

Michael Wersin, 09.02.2013



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Bloß kein BreX-mas: Da haben die Chefunterhändler ganze Arbeit geleistet, damit Theresa May und Jean-Claude Juncker endlich den Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen verkünden konnten. Doch grüne Grenzen und Binnenmarkt-Bestrebungen in Ehren – wie hoch wäre eigentlich der kulturelle Verlust Europas durch den Ausstieg der Briten zu beziffern? Wir meinen, gerade was Advent und Weihnachtszeit angeht ist der Beitrag des Vereinigten Königreichs kaum hoch genug zu schätzen, da die […] mehr »


Top