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Richard Wagner u.a.

Idyll

Vestard Shimkus

Ars Produktion/Note 1 ARS 38 123
(67 Min., 5/2012) SACD

Dieses Wagner-Rezital des lettischen Pianisten Vestard Shimkus ist auf eine so spezielle Weise interessant, dass der Hörer mit einem geeigneteren Beihefttext als dem hier mitgelieferten deutlich mehr Chancen hätte, die Aufnahme mit Gewinn zu hören. Die Verwunderung, wie wenig der hochkritische Wagner-Essay mit der Musik auf diesem Tonträger zu tun hat, weicht der Ernüchterung nach dem Entdecken dieses Textes im Internet: Der Autor hat hier einfach einen Text recycelt, den er im Sommer 2012 für ein ganz anderes Wagner-Konzert beim „styriarte“-Festival geschrieben hat. So bleibt denn eine der wenigen neuen Passagen in der „aktualisierten“ Version, in der es heißt, Shimkus habe ein Programm zusammengestellt, „das dem Frauenbild Wagners und seinen persönlichen Beziehungen musikalisch nachspürt“, aus verständlichen Gründen ein wenig in der Luft hängen.
Gut, dass Shimkus selbst wenigstens ein paar Zeilen zu seinem Programm verfasst hat. Von ihm erfahren wir, dass er die Klavierbearbeitung von „Isoldes Liebestod“ eigens für diese CD angefertigt hat. Verglichen mit anderen bekannten Transkriptionen (etwa derjenigen von Franz Liszt oder auch denen, die Pianisten für den Eigengebrauch angefertigt haben), ist sie weniger gefällig, weist mehr Ecken und Kanten auf. Ganz offensichtlich ist es nicht Shimkus‘ Ziel, die Schokoladenseiten des Klaviervirtuosentums mithilfe eines Wagner-Schmachtfetzens zu präsentieren. Seine Bemerkung, dass der „Liebestod“ „an Skrjabin oder Schönberg erinnert“, weist in die richtige Richtung und hilft, diese ambitionierte Bearbeitung zu verstehen. Die Gegenüberstellung von Shimkus‘ „Liebestod“-Klavierversion und Franz Liszts Bearbeitung des „Spinnerliedes“ aus dem „Fliegenden Holländer“ präzisiert das oben Angedeutete: Bei Liszt finden wir über weite Strecken ebenjene Konzentration auf das gefällig-virtuose Klavierspiel, die Shimkus als Bearbeiter mutig meidet. Ratlos lässt uns die 1831 komponierte „Fantasie f-Moll op. 3“ zurück. Shimkus bezeichnet sie als „Kostbarkeit“, äußerst aber auch, sie sei eine Bestätigung dafür, „dass Wagner stets ein Opernkomponist blieb“: Wagnerjahr hin, Wagnerjahr her, dieses Stück hätte auch im Jubiläumsjahr ein unentdeckter Schatz bleiben können.
Shimkus‘ gestalterische Fähigkeiten und seine profunde technische Kompetenz kommen noch einmal voll zum Tragen in seiner Wiedergabe von Glenn Goulds Bearbeitung des „Siegfried-Idylls“: Es gelingt ihm, über 24 Minuten und 7 Sekunden hinweg (warum nur schreibt der Beiheftautor, das sei schneller als Glenn Goulds „legendäre 23‘31“?), einen großen Spannungsbogen zu halten und dabei die verschiedenen Ebenen des Satzes mit den klanglichen und artikulatorischen Mitteln, die das Klavier bietet, überzeugend voneinander abzusetzen – eine gelungene Adaption von Goulds Wagner.

Michael Wersin, 23.02.2013



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