Als Antoine Dauvergne 1713 und damit vor genau 300 Jahren geboren wurde, sollte noch zwei Jahre lang Louis XIV. das Zepter führen. Als Dauvergne schließlich im stolzen Alter von 84 Jahren 1797 verstarb, war nicht nur über das Ancien Régime die Revolution hinweggefegt, auch musikalisch waren die Umwälzungen so vehement, dass er im letzten Lebensabschnitt sein Dasein auf dem Abstellgleis fristen musste. Dabei hatte er sich zunächst zu einer festen Größe in Paris und auch in Versailles entwickelt. Als gefeierter Violinist gestartet, bekleidete Dauvergne bald gewichtige Direktorenposten, so an der Académie Royal, für die er einige seiner insgesamt 13 Opern komponierte. Zudem erwies er sich als Förderer von Erneuerern wie Gluck, Cherubini und Méhul. Dass aber auch der neue musikalische, vom legendären Buffonisten-Streit ausgelöste Zeitgeist nicht spurlos an Dauvergne vorbeiging, bewies er mit „Les troqueurs“, einer auf Leichtfüßigkeit und Eingängigkeit geeichten Opéra bouffon. Und auch die 1768 bei der Uraufführung mit Pauken und Trompeten durchgefallene Comédie-lyrique „La vénitienne“ besitzt oftmals den charmanten Goût français des Rokokos.
Aber selbst in dieser in Venedig spielenden Allerweltsstory um Liebe, Eifersucht und Vergebung kann Dauvergne den Einfluss seines Lehrers Jean-Philippe Rameau nicht überspielen. Da herrscht Edelmaß im Ariosen. Das Orchester betört mit wunderbar ausgekosteten Klangfarben. Und manche Chorszenen sind in ihrem strahlenden und zugleich wiegenden Ton einfach große Post-Barock-Kunst. Dass man Dauvergne so neu zu schätzen lernt, liegt natürlich auch am formidablen Spiel und Gesang im Live-Mitschnitt von „La vénitienne“. Und wie es der Zufall wollte, hatte sich in Lüttich das belgische Team um Dirigent Guy Van Waas für diese Trouvaille just nahezu zeitgleich eingesetzt, als in Versailles Dauvergnes Tragédie lyrique „Hercule mourant“ ihre moderne Welterstaufführung erlebte. Sieben Jahre vor „La vénitienne“ entstand dieser Fünfakter. Und selbst Rameau hätte dieses auf Ovids Metamorphosen zurückgehende, schicksalhafte Eifersuchtsdrama wohl nicht effekt- und schmerzvoller vertonen können. In der mitgeschnittenen, konzertanten Aufführung bestätigt Christophe Rousset nun einmal mehr seinen Ruf nicht nur als glänzende Spürnase. Von feinausgeleuchteter Grazie bis zu sattem Drive zieht er mit seinen Talens Lyriques alle Register, um das von Andrew Foster Williams (Herkules) und Véronique Gens (Deianira) angeführte Sängerensemble zu Höchstleistungen zu animieren.

Guido Fischer, 02.03.2013



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