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The Sirens

Chris Potter

ECM/Universal 2794579
(63 Min., 9/2011)

Für sein Debüt beim Feingeist-Label ECM hat sich einer der technisch versiertesten Saxofonisten der Gegenwart einiges vorgenommen: Mit „The Sirens“ begibt sich Chris Potter assoziativ auf die Spuren von Homers „Odyssee“.
Der Beginn der Aufnahme erinnert jedoch eher an den größten Klang(ver)dichter unter den Jazzbläsern: Potters gebetsartige Musenbeschwörung auf dem Tenor und das anschließend einsetzende Bass-Ostinato wirken wie eine Verbeugung vor Coltranes „Love Supreme“. Der weitere Verlauf von „Wine Dark Sea“ mit seinen kräftigen Funk-Injektionen zeigt allerdings, dass sich Potters brillantes Quintett seinen eigenen Weg durch die Fährnisse der Jazzmoderne zu bahnen gedenkt.
Pianist Craig Taborn, Bassist Larry Grenadier und Drummer Eric Harland sind dabei ähnlich wie ihr Bandleader begnadete Rhythmiker, was in pulsierenden Nummern wie dem Afro-Steve Reich-Verschnitt „Wayfinder“ oder dem seltsam taumelnden „Kalypso“ besonders gut zum Tragen kommt. Eine ganz eigene Note fügt der Fünfte im Bunde hinzu: David Virelles an präpariertem Klavier, Celesta und Harmonium sorgt unaufdringlich, aber effektvoll für eine zusätzliche Ebene, die den Balladen auf dem Album etwas Gespenstisches verleiht – wie etwa im archaisch anmutenden Titelstück „The Sirens“.
Hier, in Potters die Nebel der Zeiten durchdringenden Bassklarinette, lässt sich wohl auch der deutlichste Homer-Bezug auf dem Album herstellen. So oder so handelt es sich bei dem Saxofonisten und den Seinen um virtuose Epiker, deren Erzählungen man gespannt zuhört.

Josef Engels, 25.05.2013



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