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Gioseffo Zarlino

Modulationes sex vocum

SingerPur

Oehms Classics OC 873
(68 Min., 2/2013)

Keine Frage: Die polyphone geistliche Vokalmusik der Renaissance ist besonders dann eine Kunst für Eingeweihte, wenn nicht die schiere Schönheit der Harmoniefolgen und die pure Pracht der Klangentfaltung den Hörer gleich auch auf sinnlicher Ebene ansprechen. Palestrina oder Lasso beispielsweise haben es, jeder auf seine Weise, durchaus geschafft, das in der Spätrenaissance immer noch sehr keusche Spiel des Zusammenschnürens und wieder Lösens spannungsreicher, effektvoller Dissonanzenketten für sich genommen zum packenden Erlebnis zu machen.
Anders Gioseffo Zarlino (1517 - 1590), als Musiktheoretiker einer der Tugendwächter des mehr als reinen vokalpolyphonen Stils: Wer es hier nicht gewohnt ist, die Verflechtungen der horizontalen Linien beim Hören aufzudröseln und ihr komplexes Agieren miteinander zu verfolgen, wer nicht die alten gregorianischen Cantus firmi kennt, die aufs Kunstvollste kontrapunktisch verarbeitet werden, der hört mitunter ein recht monotones Einerlei, ein Hin- und Herpendeln zwischen immer wieder denselben Akkorden (war es nicht Zarlino, der den Dreiklang 1558 erstmals als konstitutives Element des Tonsatzes beschrieb?). Kurzum: Wer etwa den bewundernswert dichten und ausgeklügelten Bau von Zarlinos sechsstimmiger Bearbeitung der Ostersequenz „Victimae paschali laudes“ ansatzweise begreifen möchte, der nehme die Melodie der einstimmigen Vorlage zu Hilfe. Er wird dann entdecken, dass diese spätgregorianische Melodie Abschnitt für Abschnitt zunächst quasi assoziierend durch die Stimmen wandert, um dann schließlich im Sopran in breiteren Notenwerten jeweils noch einmal deutlicher hörbar zu werden.
Die erfahrenen Sänger des Ensembles „Singer Pur“ machen es dem Hörer relativ leicht, ein bisschen auch analytisch in die musikalischen Strukturen vorzudringen: Es ist eine der Qualitäten dieser Gruppe, dass die einzelnen, durchaus sehr unterschiedlichen Stimmen nur gerade soweit miteinander verschmelzen, dass ein Gesamtklang erfahrbar wird; nie geht allerdings dabei die Individualität des Einzel-Timbres verloren – für Repertoire wie dieses eine mehr als wertvolle Hilfe.

Michael Wersin, 10.08.2013



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