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Béla Bartók, Sergei Prokofjew

Klavierkonzert Nr. 2, Klavierkonzert Nr. 3

Lang Lang, Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

Sony 88883732262
(60 Min., 2 & 4/2013) CD + DVD

Warum habe ich eigentlich erwartet, Lang Lang würde das zweite Bartók-Konzert ruchlos hindonnern wie eine pianistische Naturgewalt? Mit Simon Rattle wäre eine solche gewiss unterhaltsame Einseitigkeit nicht zu haben, ist das Werk doch ein eigentümlicher Zwitter aus Lisztschem Virtuosenstück und barockisierendem Concerto grosso. Die letzere Facette wird in dieser Aufnahme mit faszinierender, aber auch etwas ernüchternder Konsequenz ausgespielt. Fast betuliches, dynamisch teilweise ziemlich zurückgenommenes Konzertieren scheint den Solisten über weite Strecken in der Attitüde eines gepflegt im Mezzoforte trommelnden Perkussionisten zu fesseln, was noch lähmend auf die Ballungen repetierter ff-Akkorde abstrahlt. Ich will gewiss keinem hemmungslosen Losdreschen das Wort reden, aber dem Kopfsatz fehlt hier einfach der treibende Impuls des Solisten, den sowohl ein niemals seine Klangkultur preisgebender Geza Anda als auch der raubtierartig voranstürmende Zoltán Kocsis freisetzen konnten.
Auch der zweite Satz ist etwas lau geraten. Die „più adagio“-Soli des Pianisten wirken seltsam aufgesagt, nicht deklamiert. Mit der Beobachtung, der Chinese verstehe gar nicht, was er rezitiere, bedient man allerdings einen inzwischen etwas strapazierten Topos der Lang Lang-Kritik. In solchen Momenten der Inspirationsleere dürfte er wohl in guter Gesellschaft sein. Den Mittelteil, den neunten Kreis der Pianistenhölle, durchmisst Lang Lang nicht auf dem Niveau der Übervirtuosen, da kleben manche Skalen, schmelzen Akkordklumpen ineinander. Wer in die Noten blickt, wird es gerne verzeihen, aber vielleicht überschätzt man seine manuellen Fähigkeiten doch ein wenig. Erst in der Solokadenz des Finales hat sich endlich etwas Courage zum Zulangen in substanzvollerem Ton angestaut. Wo ich schon einmal zu nörgeln begonnen habe: Auch die Berliner Philharmoniker sind nicht durchweg auf ihrer Höhe; die Bläserchoräle im Kopfsatz (z.B. ab 2.12) lassen doch letzte Präzision vermissen. Da kennt der Katalog wahrlich schneidendere, packendere Versionen.
Das dritte Prokofjew-Konzert dann zeigt pianistische Bewegungslust und schwelgerischen Orchesterklang. Aber hört man dieses Werk jemals schlecht? Lang Lang jedenfalls vertraut einem musikantischen, durch keine Selbstzweifel gehemmten Instinkt, und es ist entsprechend vergnüglich anzuhören. Aber vergleicht man mit der ebenfalls kürzlich erschienenen Aufnahme mit Lugansky und Nagano, trifft man, auch was die Durchlichtung des Orchesterparts angeht, auf ein ganz anderes künstlerisches Reflexionsniveau. Dort wird die satztechnische Gediegenheit, die den hier vorherrschenden Eindruck emotionaler Unmittelbarkeit erst erzeugt, zum verborgenen Thema.

Matthias Kornemann, 30.11.2013



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