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Hanns Eisler

Ernste Gesänge, Klavierlieder, Klaviersonate Nr. 1

Matthias Goerne, Thomas Larcher, Ensemble Resonanz

harmonia mundi HMC 902134
(54 Min., 9/2012, 2 & 3/2013)

Nur wenige Wochen vor seinem Tod im Jahr 1962 vollendete der DDR-Bürger Eisler seine „Ernsten Gesänge“ für Bariton und Streichorchester. Aber statt Linientreue brachte er hier seinen Schrecken über den stalinistischen Terror zum Ausdruck, der wenige Jahre zuvor auf einem Parteitag der KPdSU öffentlich geworden war. Zugleich sind Eislers letzten Lieder auch so etwas wie ein persönlicher Rückblick, verbunden mit der unstillbaren Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Nun verfolgt Eisler bis heute der Ruf, einer dieser sozialistischen Propaganda-Komponisten gewesen zu sein – was natürlich völliger Blödsinn ist. Denn wer würde das noch nach Kenntnis der romantisch beseelten und trotzdem so beklemmend modernen Schwanengesängen behaupten wollen, für die Bariton Matthias Goerne jetzt genau den Ton zwischen Zuversicht und Weltflucht trifft? Und wenn Goerne ganz zum Schluss seiner Eisler-Hommage mit dem „Solidaritätslied“ eines der überhaupt populärsten Arbeiterlieder anstimmt, mutiert er hier zum Glück nicht zum Bruder im Geiste vom legendären Eisler-Interpreten und Barrikaden-Tauber Ernst Busch. Statt plakativ die Faust in der Stimme zu erheben, verdeutlicht Goerne vielmehr den nachdenkenswerten Gehalt dieses Lieds mit einer schon fast nonchalanten Haltung.
Das „Solidaritätslied“ gehört zu einer Reihe von ausgewählten Brecht-Vertonungen, die Eisler im amerikanischen Exil geschrieben und in sein Hollywooder Liederbuch aufgenommen hatte. Und wie Goerne das melancholisch Empfindsame und zugleich so wunderbar Lyrische etwa in „An den kleinen Radioapparat“ anklingen lässt, kommt einer indirekten Verbeugung Eislers vor Franz Schubert gleich. Nimmt man dann noch Eislers offizielles Opus 1 hinzu, die seinem Lehrer Arnold Schönberg gewidmete Klaviersonate, so gelingt Goerne zusammen mit dem Ensemble Resonanz („Ernste Gesänge“) und dem Pianisten Thomas Larcher ein dreiteiliges, von allen Klischees bereinigtes Lebensporträt eines Komponisten, dessen Zeit vielleicht bald doch wieder kommt.

Guido Fischer, 14.12.2013



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