Liebreizend, gefällig und doch energiegeladen – so empfanden die traditionsbewussten Opernfreunde in Paris die Musik des Italieners Antonio Sacchini und hoben ihn damit sogar über seinen angeseheneren Landsmann Piccinni. Bis Sacchini aber in seiner französischen Wahlheimat zu einer Berühmtheit wurde, führen die nach Opernreformen lechzenden Gluckisten auch auf ihn heftige Angriffe. Und im Fall seiner dreiaktigen Oper „Renaud“ brauchte es schon die schützende Hand von Marie Antoinette, um 1783 in der Académie Royale überhaupt uraufgeführt zu werden. Den Stoff um den Ritter Renaud, der auf die Zauberin Armide ein Auge geworfen hat, hatte fast ein Jahrhundert vor Sacchini schon Jean-Baptiste Lully vertont und damit die Rhetorik der französischen Barockoper feingeschliffen. Damals ging das Werk als eine „Tragédie en musique“ über die Pariser Opernbühne. Bei Sacchini ist sie jetzt eine „Tragédie lyrique“ – was von der Papierform her an das Erbe Lullys anknüpft. Doch musikalisch befand sich Sacchini eben keinesfalls in der Retro-Schleife, sondern wusste geschickt die Klangzeichen einer Epoche zu verarbeiten, die sechs Jahre später ein revolutionärer Wirbelsturm aushebeln sollte.
Von den musikalischen Charakterzügen, die man damals Sacchini attestierte, trifft daher auf „Renaud“ eigentlich nur einer zu: energiegeladen. Im klassizistischen Zuschnitt einer Opera seria bringt Sacchini das Orchester auf Hochtemperatur und scheint dafür sogar bei Mozart, Gossec und nicht zuletzt bei Gluck nachgeschlagen zu haben. Und Sacchinis facettenreicher, melodiöser Erfindungsreichtum spiegelt sich in den mitreißenden Chorsätzen genauso wider wie in den Solistenpartien. Mit „Renaud“ hat sich der Alte Musik-Spezialist Christophe Rousset schon 2009 beschäftigt, in einem von ihm geleiteten Tragödinnen-Recital mit Star-Sopranistin Véronique Gens in der Hauptrolle. Bei der Weltersteinspielung der Oper hat Rousset jetzt ein durchweg beeindruckendes Sängerensemble zusammengestellt, das von Sopranistin Marie Kalinine als „Armide“ und Tenor Julien Dran in der Titelpartie angeführt wird. Und was Rousset zudem den Choristen sowie den Instrumentalisten an Furor entlockt, macht diese Einspielung zu einem rundum exquisiten Ohrenschmaus. Federführend bei dieser Entdeckung war übrigens das in Venedig beheimatete Musikzentrum „Palazzetto Bru Zane“, das sich die Erforschung der französischen Musik auf die Fahnen geschrieben hat. Mit aller Sorgfalt wurde dementsprechend auch das CD-Buch gestaltet, das von ausführlichen Werkkommentaren der beiden Opern-Experten Benoît und Alexandre Dratwicki abgerundet wird.

Guido Fischer, 25.01.2014



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