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Sergei Rachmaninow, Sergei Prokofjew

Klavierkonzerte Nr. 3 & Nr. 2

Yuja Wang, Gustavo Dudamel, Simón Bolívar Orchester Venezuela

DG/Universal 479 1304
(72 Min., 2/2013)

Schon bei der Einspielung von Sergei Rachmaninows 2. Klavierkonzert bestätigte Yuja Wang die alte Weisheit, dass es nicht auf die Verpackung, sondern den Inhalt ankommt. Auf dem Cover-Foto gab sie sich mit der riesigen Fellmütze als mongolische Kindsfrau. Zusammen mit dem Mahler Chamber Orchestra und ihrem Mentor Claudio Abbado am Pult wusste sie dagegen ganz genau, wie man diesem Repertoire-Schlachtross lebensbejahende Impulsivität und das slawisch Dunkle einhauchen kann, ohne dabei in stereotypische Interpretationsmuster zu verfallen. Überraschend wie imponierend gut war das. Nun hat die Chinesin sich für ihre neue CD für einen schrillen Look entschieden, den wohl nur sie tragen kann. Doch auch davon sollte man sich keinesfalls ablenken lassen, sondern eigentlich direkt mit großem Staunen registrieren, wie Yuja Wang jetzt zusammen mit Gustavo Dudamel und dessen Jugendorchester zwei russische Konzertreißer im Grunde völlig gegen den Strich spielt. Glamouröse Oktavenpower und überdrehtes Pathos – davon hat diese Interpretengemeinschaft derart konsequent die Finger gelassen, wie man es gerade von Lateinamerikanern nicht erwartet hätte.
Obwohl man direkt den ersten, elegischen Takten des 3. Klavierkonzerts von Sergei Rachmaninow nicht so recht vertrauen will und man auf den obligatorischen Kintopp-Kitsch wartet, den man oft und gerne dem Eröffnungssatz unterjubelt, so wird man auch darin eines Besseren belehrt. Denn Yuja Wang hat mit Dudamel geschickt die Schaumschlägerei unterlaufen und stattdessen thematische Details nuanciert herausmodelliert und ausphrasiert, um auch die bis zu Tschaikowski zurückreichenden Wurzeln des Werks freizulegen. Trotzdem kommt das Ergebnis nicht wie am Reißbrett geplant herüber. In der Live-Aufnahme vom Konzert in Caracas stecken immer noch soviel Drive und Emotionen, um einen über 40 Minuten lang geradezu zum Zuhören zu zwingen. Als russisches Geschwisterwerk hatte sich Yuja Wang zudem das eher selten zu hörende 2. Klavierkonzert von Sergei Prokofjew ausgesucht. Und auch hier wirft man direkt alle Klischees über den Haufen und wartet ebenfalls mit Überraschungen auf. Das Dämonische des Allegro moderato-Intermezzo besitzt die Klangstatur Mussorgskis. Und im Eröffnungssatz kommt es neben all der Klangfarbentranszendenz à la Skrjabin zu einem spektakulären, den Minimalismus eines Philip Glass vorausahnenden Kulminationspunkt. Diese Aufnahme ist genauso wenig von der Stange wie Yuja Wangs Garderobe.

Guido Fischer, 01.02.2014



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