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Alban Berg, Arnold Schönberg

Lyrische Suite, Verklärte Nacht

Jean-Guihen Queyras, Ensemble Resonanz

harmonia mundi HMC 902150
(58 Min., 6 & 9/2013)

Als Arnold Schönberg 1899 mit „Verklärte Nacht“ op. 4 sein erstes offizielles Kammermusikwerk schrieb, wählte er dafür die Gattung des Streichsextetts und damit eine Besetzung, die sein großes Vorbild Johannes Brahms etabliert hatte. Doch bei allem Traditionsbewusstsein ging Schönberg gleich mehrere neue Wege. Im Gegensatz zu Brahms als Meister der absoluten Instrumentalmusik machte er jetzt ein Gedicht von dem seinerzeit hochgeachteten Dichter Richard Dehmel zum Dreh- und Angelpunkt. Und durch dieses episch-dramatische Gebilde ließ Schönberg nun die schillernde und schwüle Luft des Fin de siècle ziehen, die ihre narkotische Wirkung gerade in der vom Komponisten selbst eingerichteten Fassung für Streichorchester nicht verfehlt.
Ähnlich emotional aufgeladen kommt auch die „Lyrische Suite“ daher, die Schönbergs Schüler Alban Berg erst für Streichquartett geschrieben und dann ebenfalls in Teilen streicherorchestriert hat. Doch hier wie da ist der zartbittere Genuss nicht garantiert. Wer nur einen Hauch zu marmeladesk aufträgt, der macht aus diesen Klassikern der klassischen Moderne schnell veristische Zuckerbomben. Angesichts dieser lauernden Gefahren schwören daher viele auf die kammermusikalische Transparenz der beiden Originalversionen. Und zumindest im Fall von Bergs sechssätziger „Lyrischer Suite“ wäre es hier vielleicht doch ratsamer gewesen, lediglich auf die drei vom Komponisten eingerichteten Streichorchester-Fassungen zurückzugreifen. Denn die 2006 vom Niederländer Theo Verbey arrangierten Sätze Nr. 1, 5 & 6 sind mit ihrem überwölbten Espressivo doch bisweilen allzu dick aufgetragen. Dass man selbst mit Mahler-Trauerzungen sprechen kann, ohne dabei gleich ins Schwülstige abzugleiten, zeigen die Musiker in der „Verklärten Nacht“. Da wird nicht klangtrunken herumgeirrt und gewankt. Vielmehr bringt das Ensemble die Extreme aus spätromantischem Pathos und chromatisch aufgelöstem Kolorit in aller Klarheit und mit aller Spannung in eine Balance – ohne dabei aber die ständig im Hintergrund mitlaufenden, existenziellen Ausnahmezustände zu überhören.

Guido Fischer, 01.03.2014



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