Schon 1535 wusste ein gewisser Sylvestro Ganassi von den Qualitäten der Blockflöte als Gesangsinstrument. So schrieb er auf das Titelblatt seiner in Venedig gedruckten und überhaupt ersten Blockflötenschule „Opera intitulata La Fontegara“: „Und wie der Maler die Werke der Natur mit verschiedenen Farben nachahmt, kann das Instrument den Ausdruck der menschlichen Stimme durch die Atemgebung und durch die Schattierung des Tones […] imitieren.“ Wie recht er hatte, unterstreicht eine Ewigkeit später jetzt der südafrikanische Blockflötist Stefan Temmingh mit seinem musikhistorisch spannend aufgemachten Album „Inspired By Song“. Denn auf der Zeitreise zurück ins England des 16. und 17. Jahrhunderts stehen nicht selten das Original und seine instrumentale Coversong-Fassung nebeneinander.
Da singt erlesen schön Sopranistin Dorothee Mields etwa jenen Folksong „Lady Ann Bothwel´s Lament“, den der italienische Wahl-Londoner Francesco Geminiani nicht minder berückend für Blockflöte, Laute und Streicher bearbeitet hatte. Von einem gewissen Johann Schop erklingt mit „Lachrimae Pavan“ ein für Blockflöte eingerichtetes, ausdrucksintensives Spiegelbild von John Dowlands „Flow My Tears“. Und warum gerade Arcangelo Corelli im London des frühen 18. Jahrhunderts wie ein Superstar gefeiert wurde, dokumentieren die Consort- und Vokalversionen des „Folia“-Tanzes u.a. von Thomas D´Urfey. Solche musikalischen Verwandtschaftsbeziehungen hat der Primus inter pares Stefan Temmingh zusammen mit dem Alte Musik-Ensemble The Gentleman´s Band zu aufregendem Leben erweckt. Und auch wenn die dramatische Schlussszene, Henry Purcells „Dido‘s Lament“, nahezu ganz der schon seit vielen Jahren auf exorbitantem Niveau singenden Dorothee Mields gehört, so verwandelt Temmingh mit nur wenigen Seufzern sein Instrument erneut in eine menschliche Stimme.

Guido Fischer, 05.04.2014



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top