Es ist großartig, dass eine Universität wie das englische Clare College in Cambridge heutzutage über einen Chor wie diesen verfügen kann: Knapp 30 junge Menschen, deren Hauptfach wohl nicht zwangsläufig Musik ist, widmen sich intensiv der klassischen Chorliteratur – so intensiv und qualifiziert, dass ihr Wirken auch über das College-Leben hinaus von Bedeutung ist. Mit hellem, klarem und jugendlich schlankem Klang zelebrieren sie auf dieser CD Musik zur Passionszeit von gregorianischem Choral über Vokalpolyphonie bis hin zu Werken aus dem 20. Jahrhundert; auch der Chorleiter Graham Ross hat eine eigene Komposition beigesteuert.
Allerdings ist das Chorklang-Ideal, dem Ross anzuhängen scheint, ein durch und durch romantisches: In allen Stimmen wird mit mäßigem, aber deutlich wahrnehmbarem Vibrato gesungen – auch gerade unbetonte Nebensilben werden oft nachdrücklich mit Vibrato belegt. Die Intonation und auch das Timbre sind dadurch nebulös und wattig. Ob viele Klänge deshalb nicht stimmen, weil vibriert wird, oder ob vibriert wird, um Intonationsmängel zu kaschieren, lässt sich nicht entscheiden. Ein Problem ist auch der gleichfalls romantische Interpretationsduktus: Egal ob Victoria oder Duruflé gesungen wird – überall begegnet man einem weichgezeichneten, wenig fokussierten, flirrenden Sound ohne Bodenhaftung, der zwischen Mezzopiano und Mezzoforte hin- und herlaviert. Das ermüdet den Hörer auf Dauer ganz extrem, und man fragt sich, warum der Chorleiter aus diesem frischen Stimmenpotential nicht etwas zu formen in der Lage ist, das – gerade im Blick auf die Alte Musik – mehr den heutigen Hörerwartungen in puncto Sauberkeit und klarer Konturiertheit entspricht.

Michael Wersin, 19.04.2014



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