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Don't Make Your Mama Cry

Ghost Town Trio

Unit/harmonia mundi UTR 4432
(44 Min., 1/2013)

Man sieht die albernen Fotos im Inneren des CD-Klappcovers, liest mit erheblichem Stirnrunzeln die Stückauswahl und fühlt sich auch gleich mit der Auftaktnummer, einer polternden Trash-Surfrock-Interpretation des Beatles-Klassikers „A Hard Day's Night“, bestätigt. Doch dieser erste Eindruck täuscht gewaltig. Beim Schweizer Ghost Town Trio handelt es sich keineswegs um einen clownesken Jazz-Dreier, der sich feixend über wehrlose Pop-Stücke hermacht.
„Don't Make Your Mama Cry“ erinnert in vielem eher an Bill Frisells würdevolle John-Lennon-Hommage „All We Are Saying“ aus dem Jahr 2011. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass Frisell seinen zerbrechlichen, vom Country-Genre inspirierten Gitarrenton in den Dienst durch und durch ehrbarer Songs stellte.
Gitarrist Urs Voegeli, Bassist Claude Meier und Schlagzeuger Lukas Mantel, die ihre Zusammenarbeit einst bei einem mehrmonatigen Engagement in einem ehemaligen Züricher Bordell begannen, haben sich hingegen einige der billigsten Stimmungslieder aus den Rotlichtbereichen der Unterhaltungsmusik vorgeknöpft.
Die Ergebnisse sind stellenweise geradezu rührend. Wer hätte je gedacht, dass der fürchterliche „Anton aus Tirol“ des DJ Ötzi in Wirklichkeit ein sensibler Bursche aus den Weiten des Wilden Westens ist? Oder dass es sich bei dem in Stadien weltweit gegrölten „Go West“-Disco-Schmu der Village People im Kern um eine todtraurige Hymne für Abstiegs-Leichenschmäuse und verlorene Meisterschaften handelt?
Mit Banjo, Lapsteel-Gitarre, gelegentlichen Synthbässen und drolligen Perkussionsideen lässt das Ghost Town Trio auf „Don't Make Your Mama Cry” den Helden und Outlaws des Pop – darunter auch David Bowie, Björk, den Erfindern des „Lambada“ oder den Scorpions – Gerechtigkeit widerfahren. Mama muss nicht weinen, sondern kann stolz sein.

Josef Engels, 24.05.2014



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