Robert Schumann

Die vier Sinfonien

Chamber Orchestra of Europe, Yannick Nézet-Séguin

Deutsche Grammophon/Universal 479 2437
(124 Min., 11/2012) 2 CDs

 
Robert Schumann

Die vier Sinfonien

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

Berliner Philharmoniker Recordings BPHR 140011
(125 Min., 2 & 11/2013) 2 CDs, 1 Bluray Audio

 

Was die Verantwortlichen der Deutschen Grammophon bewogen hat, diesen Schumann-Zyklus mit Yannick Nézet-Séguin zu veröffentlichen, ist (und bleibt) mehr als schleierhaft. Gleich die erste Sinfonie plätschert im Larghetto belanglos dahin, zeichnet sich im Finale durch unausgegorene Tempo-Relationen aus. Der Zweiten fehlt es schon im Kopfsatz an Entschiedenheit, das klingt einfach nur banal und platt. Die "Rheinische" ist bei ihm alles andere als eine Frohnatur – was für ein saft-, kraft- und lustloser erster Satz! Und so uninspiriert das Werk beginnt, setzt es sich in dieser Lesart auch fort.
Ein eigenes Gepräge sucht man bei dem Franzosen vergeblich, immer wieder beschleicht einen das Gefühl, dass er die Zügel nicht wirklich in der Hand hält. Diese Interpretationen sind nicht gewachsen, eher al fresco, nur dass sie so gar nichts Frisches an sich haben. Ein einziges Missverständnis also, dieser Schumann. Da gibt es kein Geheimnis, keine Tiefe, kein Feuer. Lediglich einen hochgejubelten Dirigenten, der nur hoffen kann, jemals das Format zu erreichen, das ihm heute bereits von einigen angedichtet wird.
Was im Gegensatz dazu die Berliner Philharmoniker bewogen hat, ihren Schumann-Zyklus in Eigenregie herauszubringen, ist sehr gut nachvollziehbar und absolut gerechtfertigt. Diese zwei CDs stellen Simon Rattles überzeugendste Leistung seit langem – und damit einen würdigen Einstand für das Hauslabel – dar. Das ist ein sehr organischer, herrlich atmender Schumann mit perfekter Binnenspannung, bestens konturiert und leidenschaftlich durchpulst. Hier wird sowohl zupackend und energisch mit Sinn für Dramatik als auch wunderbar delikat und klangschön musiziert. Dazu ist das Ganze in überragender Klangqualität zu genießen. Und auch wenn dieser Zyklus trotz seiner Qualitäten nicht zu den Top 3 im Katalog zu zählen ist (wo sich das Orchester unter einem anderen Dirigenten allerdings sehr wohl findet), wirkt er im direkten Vergleich mit Nézet-Séguin geradezu überlebensgroß.

Michael Blümke, 28.06.2014




Kommentare

Kommentar posten


Guten Tag Beim Lesen dieser Kritik werde ich den Eindruck nicht los, beim Rezensenten eine Voreingenommenheit gegen Nezet-Seguin festzustellen. Zuerst eine Korrektur. Nezet-Seguin ist ein kanadischer Dirigent und nur weil er französisch spricht, ist er nicht unbedingt Franzose. Richtig ist, dass der Rattle-Zyklus dem von Nezet-Seguin vorzuziehen ist. Den Kanadier aber insgesamt seine Qualitäten abzusprechen, ist einfach inakzeptabel und entbehrt jeder sachlichen Grundlage. Hier gibt es genügend Aufnahmen mit dem Philadelphia Orchestra oder Metropoliten Orchester Montreal sowie den Rotterdamern Philharmonikern, die das Gegenteil belegen. Eine nicht sonderlich geglückte Schumann Interpretation führt noch lange nicht dazu, einem Dirigenten seine fachliche Kompetenz generell abzusprechen. Was soll in einer Rezension der Hinweis. dass es mit den Berliner Philharmonikern eine noch bessere Interpretation der Schumann-Sinfonien gibt, ohne konkret zu nennen, um welchem Dirigenten es sich handelt. Ratespiel oder Geheimniskrämerei? Absolut überflüssig, zumal es mindestens vier Gesamteinspielungen gibt, die mir spontan einfallen und denen steht Rattle in nichts nach. Solche Rezensionen wie diese, halte ich für nicht sehr hilfreich. Gruss R. Willamowski


Die Sinfonien Schumanns. Ich halte beide neueren Einspielungen der Schumann Sinfonien für unbefriedigend, weil sie die musikalisch heterogene Dimension des Zyklus nur partiell und nicht umfassend darbieten. Der Kanadier Nezet-Seguins bietet Schumann light aus Paris als detailfreudiges Sammelsurium ohne eine bezwingend-überzeugende Gesamtdarstellung. Schumann als romantical stardust, nimmer gefährdet von des 'zum Tode betrübt'. Und Rattle bietet die B-philharmonische Alternative, forsch und rhythmisch stringent drauflos, ein Schumann als veritabler Stürmer seiner Empfindungen, wobei seine pathologisch essentielle, auch künstlerisch produktive Wahnsicht unterbewertet erscheint. Günter Wand, allem musikalischen Unsinn entfernt, verweigerte sich solcherart Musik wie die Schumanns Zweiter aufzuführen. Solcherart Konflikte, auch nur als psycho-ästhetischer Reflex, sucht man hier doch vergebens. Beide Dirigenten haben auf Schumann eine gesunde Draufsicht, nicht mehr. Wer die sog. historisierenden Einspielungen der Hanover Band unter Roy Godman und die noch mehr überzeugende neuere von J.E.Gardiner nicht mag, wird auf die konventionellen von Sawalisch, Muti, Levine oder Bernstein mit den W-Phil zurückkommen, die an Ausdrucksradius und teilweise -intensität nach wie vor als Interpretationsleistung unübertroffen sind. Schumann, der Romantiker, mit all seinen Höhen und Tiefen. gemihaus, Berlin.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Wenn ein zeitgenössischer Komponist kommerziell erfolgreich ist, wird er oft misstrauisch beäugt. Wenn seine Musik auch noch für Laien interpretierbar ist, umso mehr. Eric Whitacre zum Beispiel: 1980 im amerikanische Nevada geboren, charismatisch, Chor-Guru. Er mobilisiert Massen mit seinen selbstkomponierten Liedern und wird in den USA als Komponist und Dirigent begeistert gefeiert, hat die dortigen Klassik-Charts schon früh erobert. Doch seine Chorsätze sind: einfach gut. Und greifen auf […] mehr »


Top