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Silk and Salt Melodies

Louis Sclavis Quartet

ECM/Universal 3786537
(63 Min., 3/2014)

1988 verabschiedete sich Louis Sclavis aus der von ihm mitbegründeten „Association á la recherche d'un folklore imaginaire“ und öffnete seinen musikalischen Horizont noch einmal ganz neu. Bei seinen Einspielungen für das Label ECM ließ sich der Holzbläser von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie dem Barock-Komponisten Jean-Philippe Rameau, dem Stummfilmer Charles Vanel oder dem Street-Art-Künstler Ernest Pignon-Ernest inspirieren.
Mit seinem neuen Quartett beschreitet Sclavis nun den Weg zurück zur imaginären Folklore, allerdings aus einer ganz anderen Perspektive heraus. Die Einspielung „Silk and Salt Melodies“ will der Franzose als Meditation über das Thema Emigration im weltgeschichtlichen Kontext verstanden wissen. Das Resultat klingt freilich weitaus luftiger und spielerischer, als der ernste Gegenstand vermuten lässt.
In ungewöhnlicher Besetzung – mit seinen „Atlas Trio“-Partnern Gilles Coronado an der E-Gitarre und Benjamin Moussay an den Tasteninstrumenten sowie dem iranischen Perkussionisten Keyvan Chemirani – zelebriert Sclavis auf der Bassklarinette die Kunst der energischen Verdichtung und plötzlichen Auflösung. Seine Stücke nehmen dabei stets eigenwillige Wege: Lange, ausgeschriebene und mantraartig sich wiederholende Passagen werden abgelöst von überraschenden solistischen Ausbrüchen.
Die Grenzen zwischen Komposition, Improvisation und Atmosphären-Malerei verschwimmen dem Thema Emigration entsprechend ständig. Ähnlich verhält es sich mit den Genres, die in reger Abwechslung auftauchen wie am Zugfenster vorbeiziehende Ortschaften: Da vernimmt man „Bitches Brew“-Brodeln (wie im Intro von „Le parfum de l'exil“), einen harschen Tom-Waits-Tango (in „L'autre rive“) oder einen nordafrikanischen Western-Soundtrack (in „Dance For Horses“).
Imaginäre Folklore 2.0: So könnte man die Musik nennen, die Sclavis mit seinem französisch-iranischen Kammer-Rock-Quartett macht.

Josef Engels, 30.08.2014



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