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Antoine Brumel

Missa de beata virgine, Motetten

The Brabant Ensemble, Stephen Rice

Hyperion/Note 1 CDA68065
(64 Min., 9/2013)

Auch oder vielmehr wohl gerade für denjenigen, der sich schon intensiv mit geistlicher Vokalmusik der Renaissance beschäftigt hat, ist die Begegnung mit den Protagonisten und Werken dieser Epoche immer wieder ein Faszinosum: Was wissen wir schon von einem Menschen wie Antoine Brumel, geboren um 1460 wohl in der Nähe von Chartres und ab 1483 zunächst Kapellsänger an der Kathedrale ebendort? Seine Wege verliefen ähnlich wie einige Jahrzehnte zuvor diejenigen von Guillaume Dufay; Chambéry in Savoyen gehörte ebenso zu seinen beruflichen Stationen wie auch Ferrara, das Herzogtum der illustren Este-Familie. Bekannt ist Brumel vor allem für seine absolut außergewöhnliche „Erdbeben-Messe“ (Missa Et ecce terrae motus), aber auch dafür, dass er innerhalb seines „Requiems“ wohl als erster Komponist der Geschichte auch den langen Text der Sequenz „Dies Irae“ vertont hat.
Nun dringen die herben Klänge seiner „Missa de beata virgine“, sich zusammenfügend aus teilweise choral-generierten polyphonen Linien, aus dem Lautsprecher. Ein sehr selten zu hörendes Stück. Das „Brabant Ensemble“ unter Stephen Rice scheint sich absichtlich um eine sehr objektive Darbietung zu bemühen: Die Tempi sind zügig, fast eilig. Die Frauenstimmen im Diskant nehmen sich im Timbre radikal zurück bis zu einer Knabenhaftigkeit, mit der sie viele andere Ensembles noch übertreffen. Emotionalität im Vortrag wird weitestgehend vermieden. Leider sind die Stimmen im Satz unausgewogen: Bass und Diskant zeichnen sehr gut, Alt und Tenor verblassen hinter ihrer markanten Präsenz. Für den Kenner des Repertoires, der die im Satz verarbeiteten Choralgesänge zu identifizieren und den bewundernswert souveränen Einbau ins polyphone Geflecht zu würdigen weiß, ist das Hören eine intellektuelle Freude – zumal mit Blick auf die Noten, die sich im Internet sehr leicht in frei verfügbarer Ausgabe finden lassen. Wer allein den sinnlichen Genuss sucht, wird weder beim „Brabant Ensemble“ noch vielleicht auch bei Brumel vollkommen glücklich werden: Die Nüchternheit der Darbietung geht mit der eher kühlen Schönheit des musikalischen Satzes Hand in Hand – unterstrichen wird letztendlich doch eher das für den heutigen Hörer Fremde an dieser Musik.

Michael Wersin, 06.12.2014



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