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Marin Marais, Georg Philipp Telemann, Joseph Nicolas Pancrace Royer

Le monde Parisien

Ensemble Schirokko Hamburg, Rachel Harris

Ambitus/Klassik Center Kassel AMB96969
(66 Min., 1/2014)

Barockes Ensemblespiel auf Messers Schneide. Diese CD empfängt den staunenden Hörer mit einigen Sätzen aus einer Suite von Marin Marais (weitere werden, der spiegelbildlichen Anlage des Programms gemäß, am Ende nachgeliefert): Brettgerades, mit eindringlichem Messa di voce angeschärftes und artikulatorisch pointiertes Streicher-Bläser-Unisono bläst einem eine Lesart barocker Idiomatik um die Ohren, die so manches Halbgare Lügen straft, das man selbst aus den Reihen der historisierenden Aufführungspraktiker zu hören bekommt. Halsbrecherische Virtuosität beim gnadenlos offengelegenen Duettieren von Blockflöte und Fagott, klanglich angefüllt und rhythmisch zielgenau gestützt von Theorbenakkorden, ereignet sich dann im dritten Satz derselben Suite. Spätestens hier wird klar, dass Rachel Harris und ihre Mitspieler in jedem Moment bereit sind, die barocke Idiomatik mit ihren der rhetorischen Aussagewelt nahestehenden musikalischen Gesten kompromisslos bis in den letzten Winkel ihrer Substanz auszuleuchten.
Klar ist auch schon vor Beginn des ersten der beiden Telemann-Quatuors, dass das Ensemble „Schirokko“ die Musik dieses oft Geschmähten zielsicher aus dem staubigen Eck des hausmusikalischen Dilettierens herausholen wird. Und so ist es dann auch: Aufrüttelndes Tutti-Solo-Wechselspiel bestimmt das „Prélude“ des a-Moll-Quatuor – die Bassgruppe gliedert oder kommentiert hierbei nicht bloß den Dialog von Traversflöte und Violine, sondern sie fällt den beiden Diskantinstrumenten immer wieder auch markant, ja beinahe grob ins Wort. Im „Coulament“ am Ende desselben Quatuor erhält das Ritornell des Satzes, auf erstaunlich kreative Weise bei jedem Auftreten klanglich neu ausgeleuchtet, beinahe obsessive Züge. Die unterschiedlich besetzten Episoden dazwischen lassen in puncto Expressivität ebenfalls nichts zu wünschen übrig. Musizieren auf Messers Schneide eben. Hochintensiv und eindringlich, nicht tauglich als Hintergrundmusik. Aber unverwechselbar!

Michael Wersin, 27.12.2014



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