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Wolfgang Amadeus Mozart, Frédéric Chopin u.a.

The Salzburg Recital (Sonaten, Préludes)

Grigory Sokolov

DG/Universal 479 4342
(109 Min., 7/2008) 2 CDs

Wenn auf dem Cover einer neuen CD in unübersehbar großen Lettern nur der Nachname des Interpreten als alleiniges Qualitätssiegel prangt, scheinen die Zeiten jenes Personenkults wieder angebrochen zu sein, in denen es noch Klassikgötter gab. Doch mit der durchgeplanten Publikumswirksamkeit gerade eines Karajan hat es Grigory Sokolov natürlich nie gehabt. Und was die Hysterie angeht, mit der Kollege Horowitz überall empfangen wurde, da fremdelt der Mann aus St. Petersburg ebenfalls. Aber es ist andererseits schon was Besonderes, wenn Sokolov endlich mal wieder ein musikalisches Lebenszeichen auf Tonträger von sich gibt. Der Mann hadert nämlich gewaltig mit diesem Medium. Weshalb er nur noch Live-Mitschnitte und von denen die wirklich gelungensten veröffentlicht.
Nun also hat dieser große Anti-Star und Anti-Virtuose grünes Licht für sein im Juli 2008 bei den Salzburger Festspielen aufgenommenes Recital geben, bei dem im offiziellen Teil Mozart und Chopin zu hören waren. Zu Beginn standen die F-Dur-Klaviersonaten KV 280 und KV 332. Und bereits in ihnen erweist sich Sokolov als ein Meister der Farben, Stimmen und Stimmungen, ohne dabei ständig Gewichtiges mit beladener Geste zu unterstreichen. Alles entsteht bei Sokolov wie aus einem Guss. Zugleich besitzt dieser Mozart Haltung, Prägnanz und Temperament. Und mit was für einer Zartheit und Anmut verwandelt Sokolov nicht zuletzt die langsamen Sätze in wundersame Heiligtümer.
Ähnlich ernsthaft und beredt, zudem mit Pranke, aber nie pianistisch selbstgefällig, widmet sich Sokolov den 24 Chopin-Préludes op. 28. Und was die Sanftmut, aber auch das Seelenabgründige dieser bisweilen zu Tode gespielten Stücke angeht, sorgt er auch deshalb für unerwartet große Momente, weil er ein vehementer Gegner von falschem romantischen Pathos und Kitsch ist. Großes Klavierspiel ist das. Wenn ein Sokolov merkt, dass es am Konzertabend in allen Belangen läuft und er mit sich zufrieden sein kann, packt er zum Glück noch mehr als eine obligatorische Zugabe hinten drauf. Gleich sechs Encores standen in Salzburg zu Buche. Und ob es nun ein herrlich mit Debussy-Zungen dahinflirrendes „Poème“ von Skrjabin ist, eine mitreißend gelenkige „Pièce“ von Rameau oder Bachs zu Stille und Einkehr zwingendes Choralvorspiel „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“ – auch dieser Programmteil rechtfertigt rückblickend die etwas reißerische CD-Beschriftung.

Guido Fischer, 31.01.2015



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