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Giacinto Scelsi

Klaviersuiten Nr. 8 & 9

Steffen Schleiermacher

MDG/Naxos MDG613 1777
(68 Min., 11/2011)

Es ist ja nicht so, als ob Steffen Schleiermacher nicht bereits umfänglich sein Herz für die musikalischen Sonderlinge des 20. Jahrhunderts ausgeschüttet hätte. Trotzdem gibt es weiterhin für ihn und damit für den neugierigen Endverbraucher Komponisten bzw. Werke zu entdecken. Zu Schleiermachers jüngsten Ausgrabungen gehören zwei von insgesamt elf Klaviersuiten, die der Italiener mit dem schönen Namen Giacinto Conte d´Ayala Valve Scelsi zwischen 1930 und 1956 komponiert hat. Wobei dieser handwerkliche Begriff bei dem Eigenbrötler, der sich nur absolut widerwillig fotografieren ließ, nicht den klassischen Maßstäben gerecht wird. Denn statt seine Werke ordentlich aufzuschreiben, mussten fleißige Mitarbeiter seine per Tonband mitgeschnittenen Improvisationen auf Notenpapier übertragen.
Natürlich ließe sich jetzt wieder die Diskussion um die Kardinalfrage entfachen, was nun original Scelsi und was Beiwerk seiner Assistenten ist. Doch damit sollen sich Scelsi-Symposien beschäftigen. Derweil lockt Schleiermacher mit den Suiten Nr. 8 & 9 in Klavierwelten, die Scelsis Faszination von Tibet auf erstaunlich unexotische Weise widerspiegeln. Die mit „Bot Ba“ betitelte, aus sechs nicht näher bezeichneten Sätzen bestehende Suite Nr. 8 (1952) löst nur äußerst sporadisch Assoziationen an schweres Tempelgeläut aus. Den Großteil nimmt dafür ein reiches Gefüge aus mystisch anmutenden Akkordverdichtungen, Einzel-Ton-Mobiles und flirrenden Prismen ein, die an die Klangsprache eines Skrjabin genauso denken lassen wie an die eines Debussy. „Ttai“ – die neunsätzige Suite Nr. 9 von 1953 – fällt mit ihrer nunmehr düsteren, bisweilen schwermütigen Haltung ebenfalls extrem aus dem Rahmen, was den Entstehungszeitraum angeht. Aber Scelsi hatte sich ja schon immer von allen Moden und avantgardistischen Zirkeln ferngehalten.

Guido Fischer, 07.02.2015



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