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Orlando di Lasso

Musica reservata

Profeti della Quinta, dolce risonanza

Panclassics/Note 1 PC 10323
(55 Min., 8/2012)

Ikonografische Quellen, die musikalische Aufführungen dokumentieren, sind für die Bemühungen historisierender Aufführungspraxis oft ein wichtiges Hilfsmittel zur Rekonstruktion von Besetzungsstärken, Spielpraktiken, Aufstellungen etc. In diesem Sinne wurde für die vorliegende Einspielung von geistlicher Musik, die der Münchner Hofkapellmeister Orlando di Lasso für seinen Dienstherrn Herzog Albrecht V. komponiert hat, ein Bild des Hofmalers Hans Mielich zu Rate gezogen, das eventuell die Aufführung genau der Stücke aus der fraglichen Sammlung zeigt: Lassos „Bußpsalmen“ wurden in einer Prachthandschrift veröffentlicht, die mit ebenjener und anderen Mielich-Illustrationen geziert ist.
Das Bild, das auch auf dem Cover dieser CD prangt, interessiert die Musikwissenschaftler freilich schon lange, denn es ist eine einzigartige Bildquelle für die Musizierpraxis der damaligen Zeit. Aber bisher hat wohl noch kein Ensemble versucht, sich für eine Aufführung der Bußpsalmen so eng wie möglich an der Illustration zu orientieren. Florian Wieninger und seine Mitstreiter deuteten die Darstellung dahingehend, dass es sich bei den Bußpsalmen nicht in erster Linie um liturgisches Repertoire, sondern um Kammermusik für die Gemächer des Herzogs handelt. Sie rekonstruierten auf Basis der exakten Zahl von Instrumentalisten und Sängern eine (für Musik dieser Zeit heute eher selten gebrauchte) Colla-parte-Besetzung der Vokalstimmen mit klanglich sehr charakteristischen Streich- und Blasinstrumenten; sie ließen einige fehlende Instrumente sogar nachbauen. Wir hören – auch dies ist ungewöhnlich – das abgebildete Spinett im Gesamtklang. Wir erleben zudem einen erweiterten Klangraum durch Oktavtranspositionen einiger Instrumente nach unten und nach oben, die durch die Besetzung nahegelegt werden. Und Wieninger lässt die Musiker – das geht natürlich nicht aus dem Bild, sondern aus Theoretikerschriften der Zeit hervor – außerdem ihre Stimmen immer wieder „diminuieren“, d. h. mit schnellen Noten verzieren. Das Ergebnis ist ein ganz neues Lasso-Klangbild, und ein sehr ansprechendes dazu. Freilich lässt auch die präziseste Tüftelarbeit immer noch Fragen offen, vor allem die grundsätzliche, ob das Bild wirklich eine konkrete Aufführungssituation oder einfach nur exemplarisch das Personal der Hofkapelle zeigt. Aber sei’s drum: So muss es nicht, aber so könnte es geklungen haben. Ein großartiges Projekt!

Michael Wersin, 21.03.2015



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